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Kirchbergers Woche:Florian Herrmann steht unter Verdacht

Vielleicht geht es für den Leiter der Staatskanzlei ja noch weiter nach oben

Kommentar von Johann Kirchberger

Es gab Zeiten, da beschäftigte sich der sonntägliche Tatort noch mit Kriminellen und nicht mit Psychopathen, die Herzen aus Körpern schneiden und Ladenbetreiber mit Centstücken ersticken. Die Kommissare ermittelten und wälzten sich nicht mit Verdächtigen oder Kolleginnen in den Betten. Vor einer Woche zeigte der BR mal wieder einen Tatort mit Gustl Bayrhammer, der in den Siebzigerjahren Verbrechen aufklärte, ohne zuvor von einem Handy ein Bewegungsprofil erstellen zu lassen. Ihm genügte es, ein wenig nachzudenken, um Mördern auf die Schliche zu kommen.

Heute wenn einer nachdenkt, kommen manchmal so komische Wortschöpfungen wie "Brücken-Lockdown" heraus, und der Denker will vor lauter Begeisterung darüber gleich Bundeskanzler werden. Komisch, eigentlich soll das ja einer aus Franken werden, haben Umfragen ermittelt. Ob schon alles entschieden ist oder ob es zum Showdown kommt, irgendwann um "Zwölf Uhr mittags" wie im Western, wissen wir nicht. Trotzdem wurde in den vergangenen Tagen schon mal spekuliert, was sein könnte, wenn.

So wurde in einem Fernsehinterview der frühere Ministerpräsident Günther Beckstein gefragt, wer Söders Nachfolger in Bayern werden könnte. Und siehe da, ohne zu zögern nannte er Florian Herrmann als einen der Hauptverdächtigen. Da ist offenbar ein Freisinger auf einem ungeahnten Karrieretrip. Leiter der Staatskanzlei ist er ja schon, aber vielleicht geht es für ihn ja noch weiter nach oben. Dabei wäre bei den Landtagswahlen 2018 die politische Karriere des Florian Herrmann beinahe zu Ende gewesen.

Mit einem Vorsprung von lediglich 3,37 Prozent konnte er sich gegen den noch relativ unbekannten Johannes Becher von den Grünen behaupten. Hätte der populäre Christian Magerl noch einmal kandidiert, da sind sich viele sicher, wäre Herrmanns Direktmandat in Gefahr geraten. Die Freisinger nahmen dem CSU-Mann ganz offensichtlich sein geringes Engagement im Kampf gegen die dritte Startbahn übel. In der Staatskanzlei scheint Herrmann aber gute Arbeit zu leisten, zumindest zollen ihm Söder und die CSU-Fraktion Respekt und Anerkennung und loben seine Arbeit als Corona-Koordinator. Aber ob sie ihm auch das Amt des Ministerpräsidenten zutrauen?

Wer immer welches Amt in den nächsten Jahren bekleiden wird, die Bekämpfung der Corona-Pandemie wird eine zentrale Aufgabe bleiben. Im Landkreis Freising ist zuletzt die Inzidenzzahl massiv gestiegen und hat Rekordwerte von über 200 erreicht. Von einem "diffusen Verbreitungsgeschehen ohne größere Cluster" spricht das Landratsamt, das heißt, man wisse nicht, warum die Zahl der Neuinfizierten derart zugenommen habe.

Möglicherweise liegt es daran, dass die Menschen sorglos geworden sind. Regeln werden nach Gutdünken ausgelegt, Feiern innerhalb der Familie oder im Freundeskreis finden statt wie eh und je, wiewohl doch nur eine Person einen anderen Haushalt besuchen dürfte. Auf verschiedenen Sportanlagen in Freising herrscht vor allem am Wochenende reges Treiben, um es vorsichtig auszudrücken. Dass nur Individualsport mit einer weiteren Person erlaubt ist, wird als unverhältnismäßig angesehen. Zurück auf den Pfad der Tugend könnten häufige Kontrollen führen. Aber die gibt es nicht, und so nimmt das diffuse Geschehen seinen Lauf.

© SZ vom 17.04.2021
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