Kirchbergers Woche:Boostern statt böllern

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Brave Bürger bleiben jetzt zuhause, selbst wenn der Nikolaus kommt

Kolumne von Johann Kirchberger

Nun ist es ja so, dass wir ein braver Bürger sind. Darum haben wir im Frühjahr auch geduldig gewartet, bis uns das Impfzentrum einen Termin zugeteilt hat. Und dann ein paar Wochen später gleich noch einen. Zweimal geimpft, dachten wir, jetzt sind wir sicher. Dann aber hieß es plötzlich, man brauche noch eine Auffrischungsimpfung. Okay, kein Problem, die holen wir uns. Dummerweise hatte das Impfzentrum inzwischen unsere Daten gelöscht, aus Datenschutzgründen. Wir haben trotzdem ganz schnell einen Termin bekommen. Der ist zwar an Silvester, da gehen wir aber trotzdem gerne hin. Was soll man denn sonst tun an so einem Tag. Wird vielleicht eh alles geschlossen sein. Unter Berücksichtigung der Halbwertszeit von MPK-Beschlüssen droht uns ein neuer Lockdown, inklusive Ausgangssperre. Der Weg ins Impfzentrum aber wird uns an Silvester schon gestattet sein. Zur Not zeigen wir den Brief unseres Landrats, mit dem er uns persönlich dazu aufgefordert hat, uns einer "sogenannten Booster-Impfung" zu unterziehen. Ja, warum wird die eigentlich "sogenannt"?

Wie dem auch sei, der Termin an Silvester zeigt, dass die Ärzte und ihre Helfer alles tun, um uns zu spritzen und zu schützen. Da muss man dankbar sein, das sieht unser Landrat auch so. Deshalb hat er sich bei uns schon mal bedankt dafür, dass wir unseren Beitrag zur Eindämmung der Corona-Pandemie leisten.

Aber Herr Landrat, das machen wir doch gerne, wir sind ja sogar bereit, noch ein wenig mehr zu tun. Wir folgen klaglos allen Anordnungen und fragen nicht, wann wir eine Maske tragen sollen und warum, wir tragen sie immer. Auch wenn uns diese Maske furchtbar nervt, weil dauernd die Brille anläuft. Aber wir gehören zum Team Vorsicht und deshalb schimpfen wir auch nicht darüber, wenn jetzt bei vielen Gelegenheiten der Impfausweis nicht mehr reicht, um irgendwo rein zu kommen. Machen wir eben so einen Test und lassen uns mit einem Stäbchen in der Nase rumfummeln.

Aber nur in Ausnahmefällen. Denn wir haben uns dazu entschieden, nirgends mehr hinzugehen und daheim zu bleiben. Wir sollen ja Kontakte vermeiden, hat sogar der Bundespräsident gesagt. Das fällt uns insofern leicht, weil eh alles ausfällt. Keine Weihnachtsfeiern, keine Christkindlmärkte, keine Versammlungen. Ab und zu sollen irgendwo Konzerte stattfinden, haben wir gehört, im Lindenkeller etwa oder in einer Kirche.

Die Freisinger Innenstadt wird sich trotz Corona und den hinlänglich bekannten Baustellen in einem festlichen Gewand präsentieren, hat der Verein Aktive City versprochen. Lichterglanz, Glühweinduft (wird vom Rathaus aus versprüht), Zimt und Sterne sollen uns dazu animieren, "shoppen" zu gehen. Zwischen 25 Tannenbäumen, musizierenden Musikschülern und dem Nikolaus. Der kommt aber nur vielleicht, denn es kann leicht sein, dass Markus Söder diesen Superspreader in Schutzhaft nimmt. Was in den nächsten Wochen noch so alles passiert, wissen wir nicht genau. Wird ja täglich neu entschieden und neu formuliert, was wir jetzt alles dürfen und was nicht. Da kann man leicht den Überblick verlieren. Deshalb bleiben wir ja auch daheim, eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wir haben nämlich schon ein wenig Angst davor mit ungeimpften Querdenkern in Berührung zu kommen, und das wollen wir jetzt gar nicht haben.

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