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Kirchbergers Woche:Besser ein Stockwerk mehr

Um den Flächenbedarf einzuschränken, muss mehr in die Höhe und weniger in die Breite gebaut werden.

Kommentar von Johann Kirchberger

Bauen, bauen, bauen, schreien die einen, denn Wohnungen fehlen. Zumindest solche, die bezahlbar sind. Andere stoßen sich daran, dass immer mehr Flächen zugebaut werden, für Straßen, für Gewerbe und auch für Wohnungen. Dabei ließen sich so manche Probleme lösen, würden Kommunalpolitiker überholte Ansichten und Vorschriften über Bord werfen.

Wird irgendwo ein neues Baugebiet erdacht, wird schon bei der Aufstellung eines Bebauungsplans peinlich darauf geachtet, dass ja nicht zu hoch gebaut wird. Ein Erdgeschoss mit ein oder zwei Stockwerken, das ist die Regel. Pläne, die mehr vorsehen, werden zusammengestrichen. Die Bebauung sei zu massiv, heißt es meist. Fast immer wird angeblich die Sicht auf irgendetwas verstellt, oder das Vorhaben passt sich nicht der Umgebung an. Das mag ja sein, diese Argumente aber haben in Zeiten des Wohnungsmangels ihre Sinnhaftigkeit verloren. Würde man grundsätzlich ein Stockwerk mehr erlauben, Bauherren vielleicht sogar ermutigen, noch eins draufzusetzen, könnte eine Unmenge zusätzlicher Wohnungen entstehen. Gleichzeitig könnte der Flächenbedarf eingeschränkt werden, wenn mehr in die Höhe und weniger in die Breite gebaut würde.

Ein paar Beispiele aus der jüngsten Zeit. An der Ecke Mainburger-/Biberstraße in Freising wollte ein Bauherr ein Mehrfamilienhaus errichten. Den Stadträten gefiel die Planung, trotzdem wurde das Vorhaben abgelehnt, weil vier Vollgeschosse vorgesehen waren, laut Bebauungsplan aber nur drei zulässig sind.

In Moosburg wird über das Rockermaier-Areal gestritten. Die vorgelegten Pläne seien jenseits von Gut und Böse, sie seien unsäglich, hieß es im Stadtrat. Warum? Im Innenbereich waren Gebäude mit vier Stockwerken vorgesehen. Viel zu massiv sei das, nicht genehmigungsfähig. Inzwischen wurde die Planung abgespeckt, sie sieht nun am Rande des Areals nur noch ein Stockwerk mit ausgebautem Dachgeschoss und drei im Innenbereich vor. Doch selbst das ist einer Bürgerinitiative zu viel. Einige wünschen sich die Bebauung mit Reihenhäusern. Die aber kommen aus einer anderen Zeit, als Wohnraum noch nicht so knapp war und es keine Rolle spielte, wie viel Fläche für eine Wohnung verbraucht wird. Bis zu 1500 Euro müssen heute pro Quadratmeter im Stadtgebiet von Freising bezahlt werden, 1100 Euro in Lerchenfeld. Wie sollen da Wohnungen entstehen mit erschwinglichen Mieten?

In Lerchenfeld wird eine neue Feuerwache gebaut, mit zwei Obergeschossen. Warum setzt man da nicht noch ein Stockwerk drauf und baut Wohnungen für Feuerwehrleute? Warum, so fragt man sich, wird bei Schulbauten so viel Boden verbaut? Die neue Freisinger Realschule Gute Änger und die Montessori-Schule sind Flachbauten. Ein Stockwerk und ein Flachdach. Dabei würde so eine Schule durchaus zwei oder gar drei Stockwerke vertragen. Hätte man nicht in die Breite, sondern ein wenig in die Höhe gebaut, hätte man Platz für mehr Grünflächen und an- und abfahrende Autos, die jetzt Radwege blockieren und Strafzettel kassieren. Nächstes Beispiel, die neue FMG-Konzernzentrale. Sie sei zu sichtbar, hieß es. Also niedriger bauen, in die Fläche gehen. Aber wieso darf eine Konzernzentrale nicht sichtbar sein?

Fazit: Erst wenn allen Flächen verbaut sind, wenn Mieten nicht mehr bezahlt werden können und die Leute auf der Straße stehen, erst dann wird vielleicht einmal ein Umdenken einsetzen. Bis dahin wird gejammert.

© SZ vom 14.08.2020

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