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Kirchbergers Woche:Beruhigungspille für die Anwohner

Es wird weiterhin viel geflogen, weil es billig ist. In Sachen Ultrafeinstaub aber passiert wenig

Kolumne von Johann Kirchberger

Immer wieder ist zu hören und zu lesen, dass der Luftraum über Deutschland total überlastet ist. So etwas behauptet jetzt nicht irgendeine Umweltorganisation, das sagt die Deutsche Flugsicherung. Die bildet zwar mit Hochdruck neue Fluglotsen aus, was aber nicht unbedingt hilft, wenn am Himmel kein Platz mehr ist. Insbesondere der obere Luftraum sei so überlastet, klagen die Lotsen, dass täglich Hunderte Flüge in den darunter liegenden Luftraum verlagert werden müssen, obwohl die Flugzeuge dort wegen des höheren Luftwiderstands mehr Sprit verbrauchen. Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, hat Reinhard Mey einst gesungen. Das stimmt schon lange nicht mehr. Auch der Platz über den Wolken ist begrenzt, es kommt zunehmend zu Flugausfällen und Verspätungen. Der Flugverkehr wächst trotzdem. Es ist ja auch zu verlockend, schnell mal irgendwohin zu jetten, solange ein Flug nach Mallorca nicht recht viel mehr kostet als eine Taxifahrt von Lerchenfeld in die Freisinger Innenstadt.

Die Überlastung findet also nicht am Boden statt, wie uns seit mehr als einem Jahrzehnt die Münchner Flughafen GmbH suggeriert, sondern am Himmel und dagegen hilft auch der Bau einer dritten Startbahn nicht. Es wird einfach zu viel geflogen. Verantwortlich dafür ist in erster Linie die Politik. Während der Sprit für Autos und der Strom für die Bahn erheblich besteuert werden, wird der Flugverkehr gepflegt und gehätschelt. Flugbenzin ist steuerfrei, für Tickets zu internationalen Zielen muss keine Mehrwertsteuer bezahlt werden, Fluggesellschaften werden subventioniert. Im Erdinger Moos im vergangenen Jahr mit 24 Millionen Euro. Dabei ist Fliegen die umweltschädlichste Fortbewegungsart, sagt das Bundesumweltamt. Eine Feststellung, die längst niemand mehr bestreitet. Aber Flüge zu verteuern oder einzuschränken, traut sich niemand. So etwas könnte das Volk und damit die Wähler verärgern, die es sich angewöhnt haben, mehrmals im Jahr in Urlaub zu fliegen. Kostet ja nicht viel.

Die selbst gesteckten Klimaziele sind der Bundesregierung dabei völlig egal. Nicht einmal zu einem - bestimmt wirkungslosen - freiwilligen Verzicht auf Flüge wird aufgerufen. Dabei steigt die Umweltbelastung, der Klimawandel ist unübersehbar, wird immer dramatischer. Der CO₂-Ausstoß nimmt gerade durch den Luftverkehr enorm zu, Flughafen-Anrainer leiden unter Lärm und Abgasen. Rund 75 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen stammen aus dem Verkehr, davon 40 Prozent aus dem Flugverkehr. Und was wird dagegen gemacht? Es wird debattiert und palavert, aber es passiert nichts.

Seit Jahren warnt der Freisinger Bürgerverein vor dem gefährlichen, weil lungengängigen Ultrafeinstaub. Der entsteht vorwiegend bei der Verbrennung von Kerosin am Boden. Die Messergebnisse sind besorgniserregend. Nun hat die Staatsregierung zugesagt, auch einmal zu messen und dafür 1,4 Millionen Euro im Haushalt eingeplant. Aber wann und wo und wie gemessen werden soll, das steht noch in den Sternen. Bisher sieht alles nach einer Beruhigungspille für die Anrainer aus. Zu einer Verringerung der Flüge, das Einzige was gegen den Ultrafeinstaub helfen würde, wird es bestimmt nicht kommen. Bayerns Tor zur Welt darf keine Kratzer abbekommen.

© SZ vom 13.04.2019
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