Kirchbergers Woche:Angezogen zum Familienfest

Wie es so ist, wenn das Volksfest kein Volksfest sein darf und der Sommer auch eigentlich schon vorüber ist

Glosse von Johann Kirchberger

S is' wieder Sommer, Sommer in der Stadt. Ja, und da rennt man nackert durch den Englischen Garten und sitzt high am Monopteros - zumindest singt das die Spider Murphy Gang. In München mag das gehen, in der Freisinger Luitpoldanlage ist keiner nackert. Da kommen die Leute in Tracht, wenn Volksfest gefeiert wird, und high sind sie erst nach ein paar Maß.

Beim diesjährigen Volksfestersatz-Familienfest in einem Biergarten, weil nicht einmal ein klitzekleines Zelt erlaubt ist, trifft man deutlich weniger Trachtler. Offiziell darf nämlich gar kein Volksfest gefeiert werden, so hat es das Gesundheitsministerium verfügt. Deshalb heißt das, was da gerade in Freising gefeiert wird, auch nicht Volksfest, sondern "Sommer in der Stadt", obwohl der Sommer eigentlich schon vorbei ist. Dafür drehen sich im Vergnügungspark, der doppelt so groß ist wie gewöhnlich, die Karussells statt an zehn Tagen gleich 17 Tage lang. Wahrscheinlich weil sie sich im Vorjahr gar nicht drehen durften und das Volk bekanntlich danach lechzt, sich im Kreise zu drehen. Außerdem hat man gleich sieben Regentage einkalkuliert, die man abziehen muss.

Keinen Spaß machen diese Hygiene-Vorschriften - 3G, ist ja klar - zum Glück werden sie nur manchmal, aber nicht immer kontrolliert. Das Gelände ist eingezäunt und es müssen zwei Euro Eintritt bezahlt werden, das schon. Bei einem tapferen Selbstversuch wurde aber weder nach einem Impfpass, noch nach einem Coronatest gefragt. Nur nach zwei Euro. Die Zahl der Besucher auf dem Platz ist offiziell auf 1600 beschränkt, 400 davon dürfen im Biergarten sitzen. Zahlen, die aber noch nicht erreicht wurden. Offiziell muss sich auch maskieren, wer herumläuft. Im Gesicht, nicht wie sonst mit Lederhose und Dirndl. Maskenträger auf dem Platz sind aber eher die Ausnahme. Es gibt auch keine Blaskapelle, die "ein Prosit der Gemütlichkeit" spielen und dazu auffordern würde, die Maßkrüge hoch zu heben. Aber was heißt Maßkrüge? Im angeblich historischen Biergarten - warum historisch? - unter großen Sonnenschirmen stehen Halbekrügerl und Weißbiergläser auf den Tischen. Und den Hopfen-Impfstoff muss man sich selbst holen, Bedienungen sind nicht vorgesehen.

Auch in Moosburg gibt es heuer so ein Biergartenfest mit Vergnügungspark. Quasi eine Art Herbstschau, die aber - Gott bewahre - keineswegs so heißen darf oder soll. Deshalb wurde das Ersatz-Spektakel "Herbstzeit dahoam" genannt und nicht etwa Herbstschau light. Denn für die Herbstschau gibt es keinen Ersatz, hat der Bürgermeister gesagt, auch wenn es Hendl und Rollbraten gibt, und Zuckerwatte natürlich auch. Allerdings dürfen in Moosburg nur 850 Besucher auf den Platz und auch nur solche die geimpft, genesen oder getestet sind. Gut, in Freising sind es mehr, aber Freising hat ja auch mehr Einwohner und die Luitpoldanlage ist größer als der Viehmarktplatz. Noch ein Unterschied: Die Moosburger müssen um 22 Uhr den Heimweg antreten, die Freisinger dürfen sich bis um 23 Uhr am Festbier laben.

Das macht Freude, das macht Spaß, da muss man dabei gewesen sein. Nur die Hallbergmooser sind sauer. Für deren Herbst-Volksfest, getarnt als Sportplatz-Jubiläum, wurde die Genehmigung beantragt als noch strengere Regeln herrschten. Als jetzt die Genehmigung doch noch eintraf, war es für die Organisation eines richtigen Spektakels zu spät. Manchmal ist es eben so, dass das Leben diejenigen bestraft, die zu früh kommen.

© SZ vom 18.09.2021
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