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In Bentonit-Abbaugebiet bei Gammelsdorf:Das Rätsel der 31 Schlitzgruben

Markus Wild von der Grabungsfirma Dig it! Company berichtet über Funde in der jungsteinzeitlichen Siedlung von Rehbach

Von Eva Zimmerhof, Freising

Die Menschen der Steinzeit mochten im Landkreis vor allem das Hügelland im Osten, die niederbayerische Schotterebene haben sie dagegen verschmäht. Dazu passt die Lage der jungsteinzeitlichen Siedlung von Rehbach im Bentonit-Abbaugebiet bei Gammelsdorf. Über ihre archäologische Untersuchung im Winter 2013/2014 und von einem verkohlten, aber besonderen Highlight berichtete Markus Wild von der Grabungsfirma Dig it! Company dem Archäologischen Verein in der Klosterbibliothek von Neustift. Wild lobte den Verein, ohne dessen Beobachtungen und Sondierungsgrabungen in den neunziger Jahren die Siedlung "vielleicht nie entdeckt" und sie durch die Bagger des Bentonit-Abbaus unbemerkt vernichtet worden wäre.

Das Gelände südlich von Gammelsdorf decke sich genau mit dem Ort der berühmten mittelalterlichen Schlacht, erklärte Wild. "Doch leider haben wir keine Relikte der Schlacht von Gammelsdorf entdecken können." Durch die Bodenerosion seien überhaupt nur sehr tief liegende Funde erhalten gewesen, auch aus der Jungsteinzeit sei viel verloren gegangen. "Das kann zu einer Verzerrung des Bildes führen", warnte Wild den, der Theorien aufstellen wollte. Tatsächlich entdeckt haben die Dig it!-Archäologen vor allem sehr viele Löcher, welche die Steinzeitmenschen vor knapp siebentausend Jahren gruben, doch auch etwas geheimnisvolles. So gaben 31 Schlitzgruben den Forschern große Rätsel auf. Die Gruben sind bis zu zwei Meter tief, laufen spitz zu und sind am Grund meist nur wenige Zentimeter breit. "Wir haben uns bei unseren eigenen Grabungsarbeiten oft gefragt, wie die Menschen damals so etwas in den nachrutschenden Sandboden graben konnten. Das ist in dieser Tiefe eigentlich unmöglich", erklärte der Archäologe.

Auch welchen Zweck die Gruben hatten, wissen die Wissenschaftler bisher nicht. Anders geformte Eintiefungen deuten sie als Vorratsbehälter oder Zisternen. Klar erkennen konnten sie mindestens ein lehmverputztes Langhaus, zwei weitere waren zu erahnen. Allerdings waren von den Gebäuden nur wenige Pfostenlöcher in Form von Bodenverfärbungen erhalten, die im Idealfall Grundrisse ergaben. Doch obwohl die Ausbeute an Häusern so mager war, machten die Ausgräber dort einen spektakulären Fund: Die Steinzeitmenschen hatten ihren Göttern für eine Art Haussegnung ein Opfer gebracht. Bevor sie einen Hauspfosten eingruben, legten sie die Frucht ihrer täglichen Mühen darunter: Getreide. Bei anderen Grabungen habe man schon häufiger Tieropfer, wie etwa Hunde, oder Bestattungen von Säuglingen und Kleinkindern unter Gebäuden entdeckt, so Wild. Getreide als Bauopfer sei aber selten, da es sich deutlich schlechter erhalte. Dadurch dass die Pflanzenreste von Rehbach verkohlt waren, zersetzten sie sich nicht. Die paläobotanischen Funde seien "herausragend", lobte Wild. Neben dem Urgetreide Einkorn und Emmer hätten sie Leinsamen und eine Wildapfelsorte nachweisen können.

Die Geschichte der Siedlung teilen die Archäologen in zwei Phasen ein: Zunächst lebten dort ab etwa 4900 vor Christus Mitglieder der bayerischen Stichbandkeramiker und die der etwas späteren Oberlauterbacher Gruppe. Von den Stichbandkeramikern fanden die Ausgräber Scherben ihrer mit Stichen verzierten Tongefäße. Auf die Oberlauterbacher weisen deren damals innovativen Gefäße hin: Statt einem runden Boden haben sie eine Standfuß. Ab 4400 bis 3900 vor Christus übernahmen die Angehörigen der Münchshöfener Kultur die verlassene Siedlung. Diese bisher schlecht erforschte Kultur soll aus dem Süden in den bayerischen Raum eingewandert sein. Das Besondere war: die Raumteilung funktionierte. "Es gibt keine Anzeichen dafür, dass es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam", so Wild. Allerdings seien die Kulturen bei Gammelsdorf sowieso nie direkt aufeinandergetroffen.

© SZ vom 23.04.2015

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