bedeckt München 20°

Feste Fan-Gemeinde:Neulich im Dampferhauptquartier

Kritiker sehen in der E-Zigarette eine Einstiegsdroge und wollen nicht ausschließen, dass diese krebserregende Stoffe freisetzt. Die Kunden von Verkäufer Steve Flassak sehen dagegen keine Gefahr für die Gesundheit.

(Foto: Marco Einfeldt)

Bei Rochus Knobel treffen sich regelmäßig die E-Zigaretten-Fans der Stadt. Als "Raucher" wollen sie auf keinen Fall bezeichnet werden.

Wer die Fangemeinde von Rochus Knobel ärgern möchte, der braucht dafür nur ein einziges Wort: Raucher. Es reicht aus, an einem normalen Freitagnachmittag in "Rockys Dampferecke" in der Oberen Hauptstraße hineinzuspazieren und die jungen Leute, die dort sitzend an Metallröhrchen saugen, in einem Anflug von Ahnungslosigkeit als Raucher anzusprechen.

Sofort ist die Entrüstung groß. E-Zigaretten-Verkäufer Manuel schüttelt vehement den Kopf. Lena und Alex verziehen das Gesicht. Beide sind Stammkunden, beide möchten bitte auf keinen Fall mit Anhängern herkömmlicher Glimmstängel verwechselt werden. Über Tabakzigaretten sprechen sie mindestens so abfällig wie leidenschaftliche Nichtraucher es täten: Gesundheitsschädigend, teuer, und, ja auch das, unsexy.

Es ist erst ein paar Tage her, da hat der Bundestag entschieden, dass Minderjährige keine E-Zigaretten mehr kaufen dürfen. Die Rede ist von einem "Meilenstein" im Verbraucherschutz. Kritiker sehen in der E-Zigarette eine Einstiegsdroge. Ungewiss sei außerdem, ob beim Verdampfen krebserregende Stoffe freigesetzt werden. Die Befürworter betrachten die E-Zigarette dagegen als Segen für die Gesundheit, weil sie ganz ohne Teer, Arsen und die tausend anderen Schadstoffe auskommt.

In Freising sieht Ladeninhaber Rochus Knobel das Verkaufsverbot an Jugendliche gelassen. "Die meisten Verkäufer sind dem Gesetzgeber zuvorgekommen, weil sie gespürt haben, dass E-Zigaretten in Verruf geraten sind", sagt er. Knobel selbst zählt sich zu diesen Vorreitern. In "Rockys Dampferecke" erhielt bereits zuvor nur Einlass, wer volljährig war. Den Laden gibt es jetzt seit acht Monaten. Seitdem hat sich auch in der Domstadt die Dampfergemeinde kontinuierlich vergrößert. Die Facebook-Gruppe "Freisinger Dampfer" kann mittlerweile schon 76 Mitglieder vorweisen, die meisten von ihnen sind nicht älter als dreißig. Alle zwei Wochen treffen sie sich zum Stammtisch in Freising.

Ein Mitglied der Dampfergemeinschaft ist die 28-Jährige Lena. Sie sitzt in Knobels Laden auf einem Hocker vor dem Verkaufstresen, rosa Kapuzenpulli, die hellbraunen Haare kurz geschnitten. Lena sagt: "Kein Mensch ist so blöd und tauscht den Geschmack des Dampfens gegen Zigaretten". Ein Blick nach rechts, Alex kann ihr nur beipflichten. Der 18-Jährige erklärt im Expertenduktus, dass beim Konsum von E-Zigaretten sogenannte Liquids mit einer Heizspirale zum Verdampfen gebracht werden. Er meint die flüssigen Geschmacksmischungen, die für das Aroma sorgen. Die duftenden Dämpfe werden dann inhaliert. Ganz anders als bei normalen Zigaretten sei das, sagt Alex. Er bläst dicke Schwaden an die Decke.

Schon nach kurzer Zeit hat man das Gefühl, sich nicht in "Rockys Dampferecke", sondern in einer Art Freisinger Apple Store zu befinden. Die jungen Dampfer sind so restlos von der E-Zigarette begeistert, dass sie in die Rolle des willfährigen Verkäufers schlüpfen, ohne es wirklich zu merken.

Nicht anders ergeht es der älteren Kundschaft. Botaniklehrer Wolfgang, ein Mann im besten Alter, betritt jetzt das Geschäft, den Verkäufer nennt er Schnupsi. Zum Kapuzenpulli trägt er eine schwarze Tommy Hilfiger Weste. Lange dauert es nicht, dann gerät auch er ins Schwärmen.

Der Reporter muss unverzüglich an den kettenrauchenden Schriftstellerstar und Vorzeigedandy Christian Kracht denken. Nur dass Wolfgang seit drei Jahren keine Zigaretten mehr anrührt. Er hat in seinem bisherigen Leben 93000 Euro für Glimmstängel ausgegeben. Seit er auf E-Zigarette umgestiegen ist, spart er sich angeblich jeden Monat 200 Euro. "Die Libido ist auch besser geworden", sagt Wolfgang. Jungspund Alex versteht jetzt nicht ganz, was Wolfgang mit Libido meint. Schließlich ist es Lena, die Alex auf die Sprünge hilft.

Sie klopft ihm auf die Schulter. So geht das munter weiter in Freisings Dampferhauptquartier: Leute kommen, kaufen Liquids mit Nikotin, ohne Nikotin, kaufen Dampferutensilien. Im hinteren Teil des Geschäfts probieren sich zwei Männer in den Zwanzigern und mit Augenrändern durch 140 verschiedenen Odeurs: Currywurst, Gurkensalat und Flüssigbernstein - die Kombinationsmöglichkeiten sind schier unendlich. "Es gibt alles, es gibt keine Grenzen", ruft der begeisterte Verkäufer Manuel. Er zeigt auf den Wandschrank, in dem die Liquidampullen wie in einer Apotheke feinsäuberlich aufgeschichtet sind. "Mein Bab hat auch mit dem Rauchen aufgehört", frohlockt Manuel. Seit einem Monat arbeitet er jetzt im Laden von Rochus Knobel. Davor hat Manuel regelmäßig bei ihm eingekauft.

Das gängige Vorurteil, wonach es sich bei der Dampferei um einen Kulturkampf handelt, kann an diesem Freitag als bestätigt gelten. Auf Big Tabacco ist bei Rocky niemand gut zu sprechen. Die Zigarettenindustrie wolle den Siegeszug der E-Zigarette stoppen, sagen Alex und Lena. Für den Fall der Fälle haben sie einen Liquidvorrat angelegt. Zusammen genommen sind es 5,6 Liter. In einen normalen E-Zigarettentank passen zwischen eineinhalb und sieben Milliliter Flüssigkeit, aber man weiß ja nie.

In "Rockys Dampferecke" sind sie dennoch fest entschlossen, weiter für ihre neue Lieblingsbeschäftigung zu werben. Wie das geht, lebt Chef Rochus Knobel selbst vor. 25 Jahre lang arbeitete er bei den Stadtwerken München, zuletzt als Leiter des Energiehandels. Die Raucherpausen mit den Kollegen nutzte Knobel zum Missionieren. Schließlich hat der studierte Betriebswirt sein Hobby ganz zum Beruf gemacht. Kobel hat sich an die tausend Youtube-Videos über die Wissenschaft "E-Zigarette" angesehen. Mittlerweile betrachtet er sich als Experte auf dem Gebiet. Und die jungen Leute folgen ihm.