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Kostümschneiderei im Wohnzimmer:"Kleider sind wichtig für ein Theaterstück"

Im Berufsleben war Hedi Ostermaier Fachlehrerin für Textilarbeit, Werken und Hauswirtschaft. Jetzt näht sie Kostüme und singt im Asamchor.

(Foto: Marco Einfeldt)

Hedi Ostermaier bereitet in ihrer Wohnung die Kostüme für die Oper "Dido und Äneas" vor, die im Renaissancehof des Kardinal-Döpfner-Hauses am letzten Juni-Wochenende zur Aufführung kommt

Interview von marlene krusemark, Freising

Man merkt schon beim Eintreten in die Wohnung der Ostermaiers: Hier ist das Theater zu Hause. "Willkommen, ich bin der Äneas!", ruft Hedis Mann Ludwig lachend, er trägt eine noch mit Stecknadeln versehene Lederrüstung. Stofffetzen liegen auf dem Esszimmertisch, Marionetten stehen in der Ecke. Hier bereitet Hedi Ostermaier die Kostüme für die Oper "Dido und Äneas" von Henry Purcell vor, die am 24. und 25. Juni im Renaissancehof des Kardinal-Döpfner-Hauses gezeigt wird.

SZ: Frau Ostermaier, wie lang sind Sie schon mit dem Schneidern beschäftigt?

Hedi Ostermaier: Seit Mitte April bin ich an der Arbeit. Allerdings waren wir seitdem noch elf Tage in Marokko und eine Woche in Italien. Bis nächsten Mittwoch muss ich jetzt alle neun Kostüme fertig bekommen.

Wie lang arbeiten Sie pro Tag?

Es ist schon eine sehr zeitaufwendige Angelegenheit, ich bin meist zwölf bis 14 Stunden am Tag mit den Kostümen beschäftigt. Ich fange gegen halb 10 Uhr an, mit Essens- und Kaffeepausen arbeite ich dann auch schon mal bis halb drei Uhr nachts. Das ist wie ein langer Arbeitstag, kommt einem aber nicht so vor, wenn man etwas so gern macht.

Woher kam Ihre Inspiration? Das erste, was der Regisseur Robert Leutner zu mir gesagt hat, war: Sechzigerjahre. Dann habe ich angefangen, in Münchner Vintage-Läden nach Abendkleidern aus den 60ern zu suchen und habe auch durchaus Passende gefunden, wie ich finde. Die Dido ist ja am Anfang des Stückes verwitwet und gibt sich trauernd und zugeknöpft. Dann tritt Äneas in ihr Leben. Langsam befreit er sie von ihren Sorgen, sie taut auf und wird lockerer. Diese Verwandlung muss sich natürlich auch in ihrer Kleidung ausdrücken. Für ihre zweite Phase habe ich deshalb einen schwingenden Rock ausgewählt, sie trägt ein schönes Dekolleté.

Was bedeutet das Kostümbild für ein solches Stück?

Natürlich steht bei einer Oper die Musik an allererster Stelle, das Kostüm ordnet sich ihr unter. Im Allgemeinen wird heute weniger Wert auf die Kostümierung gelegt. Ich erinnere mich an eine Inszenierung des "Lohengrin" von Wagner an der Münchner Oper, da trug der Hauptdarsteller einfach eine graue Jeans und ein hellblaues T-Shirt. Trotzdem ist die Kleidung von großer Wichtigkeit für das Stück. Vor allem Gesang ist eine sensible Angelegenheit, wenn da irgendetwas nicht passt, drückt oder herunterrutscht, fühlt man sich nicht wohl und der Gesang leidet. Außerdem kann man mit Farben viele wichtige Elemente des Stückes hervorheben. In diesem Fall lassen sich anhand der Farben zum Beispiel die guten und bösen Charaktere auseinanderhalten. Das Kostüm darf nicht dominieren, aber unterstreichen.

Woher haben Sie all die Stoffe und Materialien?

95 Prozent der Stoffe hatte ich selbst noch zu Hause. Ich bin froh darüber, sie für so etwas Schönes verwenden zu können, schließlich benutze ich sie sonst nicht mehr so viel. Die Wolle für die Medusenhäupter für die Hexen habe ich aber zum Beispiel aus Marokko mitgebracht, und dann zu Hause gehäkelt, umwickelt und gefilzt.

Ludwig Ostermaier: So etwas macht sie nebenher beim Fernsehen.

Hedi Ostermaier: Ein paar Kleinigkeiten habe ich dann noch dazu gekauft, wie beispielsweise die Kleider und den Mantel für Dido. Heutzutage kosten Stoffe und Zubehör, wie beispielsweise Schnallen, eine ganze Menge Geld. Für "das Volk" haben wir auch noch T-Shirts bedrucken lassen, das kostet einen Haufen Geld und unser Etat war recht klein.

Sind die Kostüme maßgeschneidert?

Ja, ich habe mir anfangs von allen Darstellern die Maße geben lassen. Die Damen waren auch schon zur Anprobe da, nur Benedikt Eder, der den Äneas spielt, ist sehr beschäftigt und kommt erst nächste Woche vorbei. Für ihn springt gerade der Ludwig ein. Das ist aber nicht besonders schlimm, die Rüstung geht mit Schnallen auf und zu, dadurch kann man sie später auch anpassen.

Was macht Ihnen die größte Freude an diesem Projekt?

Tatsächlich das Singen. Bevor ich zum Asamchor kam, habe ich Einzelunterricht genommen - was absolut nicht vergleichbar mit dem Gefühl ist, in einer Gruppe aufzutreten. Früher war ich zu schüchtern für den Chor, mittlerweile kann ich mir kein schöneres Gefühl mehr vorstellen, als ich es beispielsweise bei unseren Brahms- und Mozartaufführungen vor ein paar Jahren hatte. Wir haben mit Birgit und Gunther Brennich auch wirklich ausgezeichnete Chorleiter.

Was wünschen Sie sich für die Aufführungen am 24. und 25.?

Keiner soll krank werden. Es gibt nämlich keine Zweitbesetzungen. Ich stelle mir das dann so vor, dass man extra Leute engagieren müsste, die aus dem Off singen. Und natürlich wünsche ich mir, dass die Kostüme auch gut mitspielen und nicht zum Beispiel plötzlich ein Medusenkopf herunterfällt, das wäre eine Katastrophe. Wir haben das aber natürlich mit Herumhüpfen und ähnlichem geübt. Und am schönsten wäre es, wenn das Wetter noch mitspielt und wir tatsächlich im Renaissancehof aufführen können - bei Regen ziehen wir nämlich ins Camerloher Gymnasium um. Das ist zwar auch ein schönes Gebäude, die wunderbare alte Umgebung im Renaissancehof passt aber einfach toll zum Stück. Das kann ein großartiger Sommerabend werden.

© SZ vom 12.06.2017

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