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Eine Welt mit 100 Menschen:Die Gleichgültigkeit aufweichen

Einige wenige Privilegierte und viele, die wenig oder gar nichts zu essen haben: Die Einteilung der Gruppen beim Globo-Dinner spiegelt die ungerechte Verteilung von Lebensmitteln auf der Welt wider.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Teilnehmer des Workshops Globo-Dinner erleben die ungerechte Verteilung der Güter in der Welt am eigenen Leib. Eines wird allen klar, Hunger und Krieg gehören zusammen und einfach wegschauen, das geht diesmal nicht

Einfach wegschauen - das gelingt diesmal nicht. Die Teilnehmer des Workshops Globo-Dinner erlebten die Ungerechtigkeit in der Welt am eigenen Leib, zumindest eineinhalb Stunden lang. Nur einige wenige bekamen am Donnerstag im Innenhof des Kardinal-Döpfner-Hauses ein Drei-Gang-Menü serviert, dazu Wasser, Saft und Wein. Die allermeisten erhielten lediglich eine Schale Reis und etwas Wasser, andere gar nichts. Die 77 Anwesenden standen stellvertretend für die Weltbevölkerung, wer in welche der drei Gruppen kam, bestimmte - wie im richtigen Leben - der Zufall. Viele stimmte der Abend nachdenklich, wie sich bei den anschließenden Gesprächen zeigte.

Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, die Stiftung Bildungszentrum der Erzdiözese, die Stadt Freising und das Studentenwerk München hatten zu diesem Experiment eingeladen. Grundlage dafür war das Sachbuch "Unser kleines Dorf - Die Welt mit 100 Menschen" von Josef Nussbaumer, Andreas Exenberger und Stefan Neuner. Nussbaumer, der am Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte an der Universität Innsbruck lehrt, lieferte in einem Vortrag die Fakten zum Thema Ernährung und Hunger.

Für die Teilnehmer war dieser Abend ein Überraschungspaket, wirklich beschenkt in kulinarischer Hinsicht wurden nur ganz wenige. Jeder erhielt an Eingang eine Karte mit seiner Identität für die nächsten eineinhalb Stunden. Lediglich auf acht Besucher wartete im Renaissance-Innenhof eine schön gedeckte Tafel mit weißer Tischdecke. Alle anderen mussten an Biertischen Platz nehmen, durch Absperrbänder waren die drei Bereiche strikt voneinander getrennt. Glück hatten die Stadträte Peter Warlimont und Monika Hobmair, sie durften an den gedeckten Tisch. OB Tobias Eschenbacher dagegen fand sich in der ärmsten Gruppe wieder - als 33-jähriger chinesischer Arbeiter, der im Monat über weniger als 100 Euro verfügen kann.

Die Schicksale vieler der von den Organisatoren ausgewählten Identitäten ähneln sich, egal ob die Personen aus Asien, Lateinamerika oder Afrika stammen. Kumbo, ein 18-jähriger Afrikaner beispielsweise, der zwei lokale Sprachen und etwas Französisch spricht, wünscht sich etwa, dass er "in der Schule auch etwas lernen hätte können". Sein Nettoeinkommen beträgt etwa 200 Euro im Monat, davon muss er relativ viel für eine gerade ausreichende Ernährung ausgeben. Er gehört zur mittleren Gruppe, die sich zumindest eintönige Kost leisten kann. Ein chinesischer Arbeiter, dem es noch wesentlich schlechter geht, würde von seinem Job gerne leben können. Für das neunjährige afrikanische Mädchen Malenje wäre es eine enorme Erleichterung, wenn es nicht eine Stunde zum Wasserholen gehen müsste und immer wieder kommt, gerade auch von Mädchen, der Wunsch nach einem Schulbesuch. 800 Millionen Menschen auf der Welt müssten hungern, darunter viele Kinder. 113 Millionen seien nahe am Hungertod, sagte Nussbaumer. Auch Mangelernährung sei ein großes Thema. In Bayern und seiner Heimat Tirol dagegen sei es den Menschen noch nie so gut gegangen wie in den vergangenen 60 Jahren.

Den Hunger zu bekämpfen, räumte er ein, sei nicht einfach. Denn es gebe kein Produktions-, sondern ein Verteilungsproblem. Hunger und Krieg bezeichnete Nussbaumer als "siamesische Zwillinge". Voraussetzung für dessen Bekämpfung seien daher Demokratie, Frieden, Marktwirtschaft, aber auch Ethik. Weitere Notwendigkeit für eine gerechtere Versorgung sei ein geringerer Fleischkonsum in den reichen Ländern. 80 Prozent der Weideflächen weltweit würden zur Fleischproduktion benötigt. Als unethisch geißelte Nussbaumer die Produktion von Agrodiesel anstelle von Lebensmitteln und die Vernichtung von Nahrungsmitteln.

Mit Vortrag und Globo-Dinner wollen er und seine Kollegen dazu beitragen, "die Gleichgültigkeit ein wenig aufzuweichen". Andreas Exenberger plädierte für eine "Kultur des Teilens" anstelle der "Aneignung". Während des Experiments unterband sein Team allerdings alle Hilfsangebote, etwa als einige Teilnehmer versuchten, Getränke nach hinten zu den Ärmsten zu schmuggeln. Monika Hobmair verlor dabei ihr Privileg, der ersten Gruppe anzugehören. Ein nachdenklicher Peter Warlimont bilanzierte, dass einem die ungerechte Verteilung auf der Welt bei dieser Aktion durch die direkte Konfrontation sehr bewusst werde.

"Das geht richtig nahe", meinte auch OB Eschenbacher.