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Abschied in Wang:Der Senior tritt ab

Nach zwölf Jahren als Wanger Bürgermeister packt Hans Eichinger jetzt seine Sachen und wird Anfang Mai von Markus Stöber abgelöst.

(Foto: Marco Einfeldt)

In Hans Eichinger, 79, scheidet der älteste Landkreis-Bürgermeister aus dem Amt. Dabei wirkt er vitaler als jüngere Kollegen

Von Petra Schnirch, Wang

Hans Eichinger telefoniert an diesem Vormittag viel und bereitet im Rathaus gerade die nächste Gemeinderatssitzung vor. Eigentlich ein ganz normaler Tag also. Er stecke noch voll in der Arbeit drin, sagt der Wanger Bürgermeister. Doch es wird die letzte Zusammenkunft des Gremiums unter seiner Leitung sein. In zehn Tagen übergibt er das Amt an seinen bisherigen Stellvertreter Markus Stöber.

Noch etwas ist anders in diesen Tagen. Neben Eichinger liegt eine Maske auf dem Schreibtisch, wie er am Telefon erzählt, eines seiner Kinder ist mit im Büro wegen der Corona-Pause in den Schulen. Das Tragen eines Mundschutzes werde langfristig die einzige Möglichkeit sein, das wirtschaftliche und soziale Leben zu normalisieren, glaubt Eichinger. Eine Abschiedsfeier für ihn und die scheidenden Gemeinderatsmitglieder muss erst einmal ausfallen.

"Komisch" findet Eichinger die Frage, ob er eine gewisse Erleichterung verspüre, dass er die Bürde des Amtes nun bald los ist. Er habe den Job sehr gerne gemacht, sagt er. Aber, ja, er freue sich darauf, künftig mehr Zeit für seine Familie - Eichinger hat vier Kinder, das jüngste ist acht - und das Klavierspielen zu haben, mit dem er erst mit 50 so richtig begonnen hat. Auch sein Sportprogramm will er intensivieren, um fit zu bleiben.

Eichingers politische Karriere ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Mit 79 Jahren ist er der "Senior" unter den Bürgermeistern im Landkreis und wirkt dennoch vitaler als manch jüngerer Kollege. Als eine der letzten Gemeinden im Umkreis hat Wang einen ehrenamtlichen Gemeindechef - für die gibt es keine Altersbeschränkung. Vor sechs Jahren wurde Eichinger mit rekordverdächtigen 96 Prozent wiedergewählt, 2008 setzte er sich gleich im ersten Wahlgang souverän gegen drei Mitbewerber durch, obwohl er zuvor nicht einmal dem Gemeinderat angehörte. Er habe sich für die Kommune einbringen wollen, erzählt er, und er habe an dem Job Spaß gefunden. Deshalb gehe er mit einem "lachenden und einem weinenden Auge".

Eichinger war und ist ein Mann klarer Worte. Er habe er sehr gute Erfolgserlebnisse gehabt, es gebe aber auch negative Dinge, bilanziert er. Ganz oben stehen da für ihn die Diskussionen um den Ligeder Berg. Mit "etwas mehr Sachverstand" - er formuliert dies bewusst "vorsichtig" - hätte die Angelegenheit "in kürzester Zeit" geregelt werden können, davon zeigt sich Eichinger überzeugt. Die aktuelle Ampellösung hätte anstelle der Sperrung bereits vor drei Jahren gefunden werden können, die von den Behörden geforderte Absicherung des Hangs über der Bahnlinie hält er für unnötig. Ein neuer Straßenbelag und Rückbauten am Gehweg würden seiner Einschätzung nach ausreichen. Im vergangenen Jahr wandte sich Eichinger sogar mit einer Petition an die Staatsregierung, weil nichts voranging.

Insgesamt aber fällt seine Bilanz der vergangenen zwölf Jahre positiv aus. Die Schulden konnte Wang durch eine Beschränkung auf das Notwendige zunächst komplett abbauen. Kinderkrippe, Hort und die Erweiterung des Kindergartens habe man selbst angepackt und "preiswert erledigt". Erst für neue Projekte wie die Sanierung des Abwassersystems in Bergen, die im Zuge der Erneuerung der Ortsdurchfahrt vorgenommen wurde, war wieder eine Kreditaufnahme nötig. Als "Schecks für die Zukunft" erwarb die 2600-Einwohner-Gemeinde zudem jeweils zwei Hektar große Flächen für Wohn- und Gewerbegebiete bei Sixthaselbach für etwa 1,3 Millionen Euro, außerdem 15 Hektar landwirtschaftlichen Grund. "Die Gemeinde steht gut da", resümiert Eichinger, "ich sehe keine Probleme, wenn man die Hausaufgaben gut macht". In seinen Nachfolger setzt er großes Vertrauen.

Bereits vor elf Jahre begann die Gemeinde damit, Glasfaser für eine bessere IT-Versorgung zu verlegen. Trotz dieser Aufgeschlossenheit sieht Eichinger die neue 5-G-Technologie kritisch. Die rasante technische Entwicklung bezeichnet er als "gewaltiges Experiment" für die Menschheit. Ebenso die Klimakatastrophe, vor deren Folge er seit etwa 40 Jahren warnt. "Die Leute haben dies zur Kenntnis genommen und sich doch einen SUV gekauft", merkt er nüchtern an. Damals habe er allerdings noch geglaubt, dass es länger dauern werde, bis die Konsequenzen zu spüren sein werden.

Im Ruhestand kann man sich Eichinger nicht wirklich vorstellen. In seiner ersten beruflichen Karriere war der Bürgermeister mit Professorentitel viele Jahre lang wissenschaftlicher Leiter der Versuchsstation Thalhausen an der TU München, von 2001 an war er Chef der Bioanalytik in Weihenstephan. Bis vor zwei Jahren hielt er noch Vorlesungen. Die Fachartikel in Science und Nature studiert er noch immer regelmäßig. Nebenbei betreibt Hans Eichinger seine Landwirtschaft in Dornhaselbach weiter und hat erst vor kurzem wieder einmal Zuckerrüben ausgesät.

Eines hätte er gerne noch verwirklicht, wie er sagt: das Feuerwehrhaus in Sixthaselbach. Denn er wohnt gleich nebenan. Dies wird nun der neue Gemeinderat erledigen.

© SZ vom 21.04.2020
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