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Folge der Pandemie:Immer mehr Münchner verschuldet

Dorothee Schiwy, 2019

Sozialreferentin Dorothee Schiwy appelliert an alle, die in eine finanzielle Schieflage geraten, sich möglichst früh Hilfe zu suchen.

(Foto: Florian Peljak)

Anfragen bei städtischer Insolvenzberatung haben sich wegen Corona fast verdreifacht

Von Sven Loerzer

Immer mehr Menschen suchen infolge der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie Hilfe bei der städtischen Schuldner- und Insolvenzberatung. Seit dem Lockdown hat sich die Zahl der telefonischen Anfragen dort fast verdreifacht. Im Februar meldeten sich bei der Beratungsstelle des Sozialreferats 478 Anruferinnen und Anrufer, im März waren es bereits 626. Im Juli erreichte die Zahl der Anfragen mit 1395 einen neuen Höchststand.

Mit Verzögerung stieg auch die Zahl der Anmeldungen für die Langzeitberatung. Zu Beginn des Lockdowns ging deren Zahl zunächst zurück, lag dann im Mai mit 74 wieder auf dem üblichen Niveau. Im Juni waren es bereits 104 Neuanmeldungen, im Juli schließlich 128.

Das Sozialreferat rechnet damit, dass die Nachfrage nach Beratung in den Monaten bis zum Jahresende noch weiter steigen wird. Denn die gesetzlichen Regelungen zur Abmilderung der Auswirkungen der Corona-Pandemie gelten nur befristet. "Die Schuldner- und Insolvenzberatung ist einer der ersten Bereiche, in denen wir sehr deutlich die sozialen Folgen der Corona-Pandemie sehen", erklärt Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD). Die Nachfrage nach Beratung sei erheblich gestiegen. Viele Menschen gerieten durch die Pandemie in eine finanzielle Krise. "Wer coronabedingt in Kurzarbeit musste oder arbeitslos wurde, konnte nicht vorab damit rechnen und zum Beispiel die Ausgaben entsprechend anpassen", betont Schiwy. "In vielen Haushalten reicht das Geld, das zur Verfügung steht, nicht, um die finanziellen Engpässe auszugleichen."

Trotz Kurzarbeitergeld und staatlicher Hilfen geraten viele Haushalte, bei denen schon vorher das Budget knapp war, in Bedrängnis. Angesichts hoher Wohn- und Lebenshaltungskosten gerät die knappe Kalkulation aus den Fugen. Wegen der reduzierten Einkünfte können Kreditverpflichtungen, die schon vor der Corona-Pandemie eingegangen wurden, nicht mehr bedient werden. Das Gesetz zur Abmilderung der Corona-Folgen habe die Aussetzung von Miet- und Darlehenszahlungen sowie Zahlungen auf Dauerschuldverhältnisse leider nur bis zum 30. September dieses Jahres geregelt. Das Sozialreferat rechnet deshalb nach diesem Zeitpunkt mit einem nochmals verstärkten Andrang bei der Schuldner- und Insolvenzberatung. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass ein großer Teil der Menschen, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können und von Überschuldung bedroht sind, erst sehr spät die Hilfe der Beratungsstelle sucht: Dann, wenn sich die Krise zuspitzt und der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.

Das aber macht es nicht einfacher, eine Lösung zu finden. "Ich appelliere deshalb dringend an alle, die in Kurzarbeit sind oder ihre Arbeit verloren haben und deshalb ihren bestehenden finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen können, sich so früh wie möglich beraten zu lassen." Unter den Betroffenen, denen die Einnahmen weggebrochen sind, seien viele Solo-Selbständige und Kleinstunternehmer. Viele hätten ihre Tätigkeit bereits aufgeben müssen, bei anderen steht akut ihre berufliche Existenz auf dem Spiel. "Auch die Geschäftsschließungen werden die private Überschuldung weiterhin verschärfen", befürchtet die Sozialreferentin.

Seit April dieses Jahres seien die Anträge auf Durchführung von Insolvenzverfahren drastisch gesunken. Das liegt an der Aussetzung der Pflicht für Unternehmen, wegen Überschuldung einen Insolvenzantrag zu stellen, sofern die Ursache der Überschuldung die Corona-Pandemie ist. Von Ende des Jahres an, wenn die Aussetzung endet, wird eine Welle von Insolvenzverfahren erwartet. Betroffenen Selbständige, die in die Insolvenz gehen müssen, bleibt dann die Hoffnung auf ein von sechs auf drei Jahre verkürztes gerichtliches Restschuldbefreiungsverfahren, das ihnen einen schnelleren wirtschaftlichen Neustart ermöglicht. Der von der Bundesregierung vorgelegte Gesetzesentwurf soll spätestens im Oktober verabschiedet werden. Das Sozialreferat rechnet auch deshalb mit einer steigenden Nachfrage bei der Insolvenzberatung.

© SZ vom 25.09.2020
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