Festgenommen und wieder freigelassen Der Einzeltäter und sein Mitwisser

Der Amok-Schütze vom Olympia-Einkaufszentrum hatte einen 16-jährigen Freund. Sie spielten nicht nur Counter Strike zusammen, sie tauschten sich auch über Massenmorde aus. Und zwei Stunden vor der Tat trafen sie sich am OEZ

Von Martin Bernstein

Je weiter die Polizei bei der Aufklärung vorankommt, desto mehr Fragen stellen sich: Am Sonntagabend nahm sie einen mutmaßlichen Mitwisser des Amokschützen David S. fest. Und schon am Montagnachmittag kam der 16-Jährige zunächst wieder frei. Ein von der Staatsanwaltschaft München I beantragter Haftbefehl wurde vom Ermittlungsrichter nicht bestätigt. Ob der Jugendliche auf freiem Fuß bleibt, hängt jetzt davon ab, ob eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen die Entscheidung in der nächsten Instanz Erfolg hat. Fest steht jedoch: Der vorläufig festgenommene 16-jährige afghanische Staatsbürger aus Laim hat nicht nur von den Amok-Plänen seines 18-jährigen Freundes gewusst, er hat sich mit ihm auch am Freitag knapp zwei Stunden vor den tödlichen Schüssen noch getroffen - in unmittelbarer Nähe des McDonald's-Restaurants an der Hanauer Straße, in dem der Amoklauf kurz darauf begann.

Wie eng die Verbindung des als Einzelgänger beschriebenen David S. zu dem zwei Jahre jüngeren Jugendlichen war, wurde am Montagmittag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft deutlich. Die beiden Jugendlichen hatten sich im Sommer vergangenen Jahres bei einem gemeinsamen stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik kennengelernt und wohl bereits damals schon Amoklauf-Gedanken geteilt und über den norwegischen Massenmörder Anders Breivik gesprochen. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Jugendliche von der geplanten Tat wusste.

Das Olympia-Einkaufszentrum, vor dessen Türen der Amoklauf begann, öffnete am Montag wieder. Zuvor gab es dort eine Gedenkfeier für alle Angestellten.

(Foto: dpa)

Der möglicherweise im Libanon geborene 16-jährige Afghane und der 18-jährige Sohn iranischer Eltern mit deutschem Pass, der sich selbst "Ali" genannt haben soll, betrachteten sich offenbar als Schicksalsgenossen. Beide fühlten sich als Außenseiter - und sie teilten eine Leidenschaft (die Ermittler sprachen von "Sucht") für das Ego-Shooter-Spiel Counter Strike. Offenbar beschäftigten sie sich auch während ihrer Zeit in der Psychiatrie bereits zusammen mit dem als besonders gewalttätig bekannten Computerspiel.

Der 16-jährige Laimer hatte sich bereits am Freitagabend um 21.30 Uhr als Zeuge bei der örtlichen Polizeiinspektion gemeldet und angegeben, dass er seinen Freund auf einem der Videos erkannt habe, die kurz nach der Tat im Internet kursierten. Entscheidende Dinge verschwieg er den Ermittlern jedoch. Einen Whatsapp-Chat mit David S., den er bis kurz vor der Tat geführt hatte, hatte der 16-Jährige gelöscht. Die Polizei, die rasch auf Widersprüche und Ungereimtheiten in der Aussage des Jugendlichen gestoßen war, konnte das Gespräch rekonstruieren.

Counter Strike: Töten als Spiel

Nach vorne preschen, in Deckung gehen, den Gegner aus dem Hinterhalt niederschießen: Im Computerspiel Counter Strike kämpfen zwei Gruppen gegeneinander, Terroristen und Anti-Terroreinheit, und das mittlerweile schon seit mehr als fünfzehn Jahren. Counter Strike kam Ende der Neunzigerjahre auf den Markt, von diesem Spiel gibt es deshalb mehrere Versionen, die jüngste ist vor vier Jahren erschienen: Counter Strike Global Offensive. David S. hat nach Angaben der Ermittler diesen Ego-Shooter gespielt, Informationen von Spiegel TV zufolge gab er sich verschiedene Namen, unter anderem "Amoklauf" oder "Hass".

Das Landeskriminalamt (LKA) will nicht bestätigen, dass es sich dabei um die Nutzerkonten von David S. handelt. Zu den verschiedenen Nicknamen könne man "keinerlei Angaben machen", sagt ein Sprecher des LKA. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen. Auf der Internetplattform Steam, über die Computerspieler miteinander kommunizieren, finden sich Dutzende Gruppen zum Thema Amoklauf. Bei den meisten geht es darum sich von den Gewalttaten zu distanzieren, sie heißen "Ich spiele Killerspiele und plane keinen Amoklauf" oder "Mein Beileid an den Amoklauf in Winnenden". In einer öffentlichen Gruppe, die David S. mit einem seiner angeblichen Profile gegründet haben soll, kommentieren Nutzer seine Morde ebenso zynisch wie ungelenk. "So schön das du ein Kopfschuss kassiert hast", heißt es und: "Er hat das Ganze wohl ein bisschen zu ernst genommen". Ratz

Demnach traf sich der Laimer gegen 16 Uhr mit S. in unmittelbarer Nähe des Tatorts. Der 16-Jährige wusste, dass S. sich eine Waffe des Typs Glock 17 im Darknet beschafft hatte und vermutete nach bisheriger Erkenntnis der Ermittler auch, dass sein Freund Munition dafür besaß. Auch das geht aus dem wiederhergestellten Chat-Verlauf hervor. An der Tatausführung war der 16-Jährige jedoch nicht beteiligt, S. mordete laut Polizei als Einzeltäter. Als die Schüsse fielen und die Fahndung nach dem Täter anlief, war der 16-jährige Jugendliche bereits wieder zu Hause im östlichen Laim.

Am Sonntagabend um 19.15 Uhr nahm ein Spezialeinsatzkommando der Polizei den 16-Jährigen in seiner Wohnung in Laim fest. Seine Vernehmung dauerte bis Montagvormittag. Am Nachmittag wurde er dem Haftrichter vorgeführt. Dieser sah, anders als die Staatsanwaltschaft, offenbar keine Verdunkelungsgefahr. Der 16-Jährige wurde daraufhin auf freien Fuß gesetzt. Gegen ihn wird aber weiter wegen des Verdachts der Nichtanzeige einer Straftat ermittelt.

In der Wohnung des 16-Jährigen wurden laut Leitendem Kriminaldirektor Hermann Utz legale Softair-Langwaffen, ein Handy und umfangreiche Computerdateien sichergestellt. Noch unklar ist, ob der Jugendliche auch für einen seltsamen Facebook-Post vom Wochenende verantwortlich ist. Darin wurden junge Leute aufgerufen, zum Mathäser-Filmpalast zu kommen. Dort könnten sie eine besondere Freivorstellung erleben, versprach der Verfasser. Mit einem ähnlichen Post wollte S. am Freitag möglichst viele Opfer in das McDonald's am OEZ locken. Die Polizei rückte deshalb zu dem Kino-Center am Stachus aus - entdeckte aber keine Tatverdächtigen. "Es geistern mehrere solcher Aufrufe herum", sagte Utz. Die Polizei kündigte ein hartes Vorgehen gegen Trittbrettfahrer an.