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Experten statt Lobbyisten:Frau für harte Fakten

Professorin für Volkswirtschaftslehre, Monika Schnitzer, am 22.11.2018 in München.

Monika Schnitzer forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität. Sie diskutiert mit ihren Studenten auch mal Genderfragen oder die Tagespolitik - dafür erhielt sie in der Vergangenheit den Preis für gute Lehre.

(Foto: Jan A. Staiger)

Monika Schnitzer gehört zu den führenden Volkswirten der Republik. Sie berät seit Jahren die Bundesregierung, kämpft für eine bessere Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik und ist für die Geschlechterquote - "anders geht es nicht"

Monika Schnitzer blickt den CSU-Veteranen fragend an. Gerade hat er mit einem süffisanten Lächeln provokante Sätze los gelassen: Expertenwissen in allen Ehren, sagt Erwin Huber, "aber welcher Politiker hat Zeit, 300 Seiten Gutachten zu lesen"? Und selbst wenn - würde er die verklausulierte Sprache der Akademiker überhaupt verstehen? Der ehemalige CSU-Vorsitzende und frühere bayerische Staatsminister ist skeptisch. "Wissenschaft ist komplex, Politik muss einfache Antworten liefern, um Erfolg beim Wähler zu haben", sagt er. Da richtet sich Monika Schnitzer noch ein wenig gerader auf ihrem Stuhl auf. Vermutlich liegt ihr ein Einwurf auf der Zunge - schließlich berät sie seit Jahren die Bundesregierung. Aber sie schmunzelt nur. Dabei ist sie durchaus eine Frau der klaren Worte.

Die Professorin - sie hat den Lehrstuhl für Komparative Wirtschaftsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität inne - hat an diesem Abend in eine Villa der Uni am Englischen Garten geladen, um vor Nachwuchsakademikern mit Huber und einer Vertreterin des Kanzleramts über Politikberatung zu diskutieren. Es gibt ja unzählige Fachbeiräte und Enquetekommissionen - zu Gentechnik, Netzpolitik, Dieselabgasen, Energiewende, Rente, Hartz IV und vielem mehr - aber was passiert am Ende mit all den Gutachten, die sie abgeben? Oft landeten sie in den Ablagen der Ministerien, meint Huber.

In den Ministerien würden allerdings sehr kompetente Menschen arbeiten, kontert Monika Schnitzer jetzt, die mit den Gutachten durchaus etwas anzufangen wüssten. Aber ja, manchmal sei es frustrierend, dass so wenig vorangehe. Es sei ihr auch schon mal passiert, dass ein Staatssekretär unverblümt geäußert habe: Von eurem Beirat kriege ich eine Antwort frühestens in einem Jahr - da geh' ich lieber gleich zu McKinsey.

Mehr als 700 Millionen Euro hat die Bundesregierung in den vergangenen fünf Jahren für externe Berater ausgegeben. Diese Zahl hat das Finanzministerium soeben auf eine Anfrage der Linken im Bundestag bestätigt. Anlass für die Anfrage war die Berateraffäre im Verteidigungsministerium. Ursula von der Leyen, die eine McKinsey-Mitarbeiterin ins Ministerium geholt und zudem jede Menge weiterer Verträge nach außen vergeben hat, droht deswegen jetzt ein Untersuchungssausschuss im Bundestag.

Monika Schnitzer und ihre Wissenschaftskollegen hingegen beraten ehrenamtlich, erstattet werden nur die Reisekosten. Die Professorin macht den Job aus Überzeugung - man hat den Eindruck, es macht ihr sogar Spaß. Sie will, dass sich die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik verbessert. "Wir können doch Politikberatung nicht den Lobbyisten überlassen", sagt sie.

Sie hat lange den Bundeswirtschaftsminister beraten, jetzt ist sie Mitglied bei Efi, der Expertenkommission Forschung und Innovation, die Vorschläge erarbeitet, wie der Industriestandort Deutschland Anschluss an die technologische Entwicklung halten kann. Jedes Jahr veröffentlicht Efi ein Gutachten, das dann mit Pressefoto der Kanzlerin überreicht wird. Seit Jahren fordern die Experten dringende Weichenstellungen: die Aufhebung des Kooperationsverbots im Bildungsbereich, damit der Bund endlich mehr in Schulen und Hochschulen investieren darf; die steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung in Unternehmen; mehr Frauen an der Spitze von Wissenschaft und Wirtschaft. Umgesetzt ist bisher nichts davon - "da braucht man in der Tat viel Geduld", sagt Schnitzer.

Efi besteht aus drei Frauen und drei Männern. Schnitzer sagt, das Gremium sei besonders effizient. Haben Frauen eine andere Debattenkultur? "Auf jeden Fall", sagt die Frau, die mit dem Bundesverdienstorden und hohen wissenschaftlichen Auszeichnungen geehrt wurde. Zuletzt führte sie die Standesvertretung der Ökonomen in Deutschland, den traditionsreichen "Verein für Socialpolitik" - als erste Frau nach 142 Jahren.

"Frauen sind zielgerichteter, mit Frauen kommt eine Diskussion schneller voran. Denn sie wissen, dass sie noch diverse andere Dinge auf die Reihe kriegen müssen." Dass in Parlamenten und Unternehmensvorständen noch immer so wenige Frauen vertreten sind, wertet sie als "Armutszeugnis" und sagt: "Ich bin für eine Quote." Vorurteile nähmen erst ab, wenn es eine große Zahl von Frauen in Führungspositionen gebe, das sei wissenschaftlich längst belegt. "Erst dann wird die Arbeit einer Frau als gleichwertig bewertet und nicht mehr automatisch als schlechter angesehen, nur weil sie von einer Frau kommt." Die Vertreterin eines Wirtschaftsverbandes habe ihr einmal gesagt: "Wir haben es erst geschafft, wenn auch eine mittelmäßige Frau im Vorstand sitzt. Mittelmäßige Männer haben wir ja schon genug gesehen." Stimmt, sagt Schnitzer.

Über solche Themen diskutiert sie auch mit ihren Studenten. Seit Brexit, Trump, Me-Too seien die jungen Leute politischer geworden, sagt Schnitzer. "Wir debattieren oft - deshalb bin ich ja Professorin geworden. Ich gehe gerne in der Vorlesung mit dem Mikro bis in die letzte Reihe, wenn sich einer meldet." Das macht beileibe nicht jeder Professor. Die Studenten haben ihr deshalb auch schon den Preis für gute Lehre zugesprochen.

Seit der Finanzkrise kam Kritik an der Volkswirtschaft auf, kritische Studenten forderten mehr Selbstreflexion, nicht nur die Lehre von Standardmodellen. Absolventen sagten, sie hätten "elegante Formeln gelernt, aber keinen Durchblick", während gleichzeitig die Welt aus den Fugen gerate. Ja, sagt Schnitzer, "die Krise hat uns allen klar gemacht, dass wir eine Menge noch nicht verstehen".

Tagespolitik und das Wohl der Wirtschaft - das ist auch Thema zu Hause am Küchentisch: Schnitzers Ehemann Klaus Schmidt ist der perfekte Sparringspartner. Drei Töchter hat das Paar. Schmidt ist Verhaltensökonom an der selben Fakultät - und auch er berät den Bundeswirtschaftsminister.

"Wir sind nicht immer einer Meinung", sagt er, "aber wir sprechen die gleiche Sprache." Als Verhaltensökonom versuche er seine Frau davon zu überzeugen, dass der Mensch eben nicht nur ein Homo oeconomicus sei, der nach Lehrbuch agiere.

Seit Studientagen gehen sie ihren Weg gemeinsam. Sie schafften es, ins selbe Graduiertenprogramm an der Universität Bonn zu kommen, sie waren zusammen an den Eliteuniversitäten Harvard, Stanford, Yale, beide wurden an die LMU nach München berufen. "Das war anfangs natürlich sehr umstritten", sagt Schmidt. "Inzwischen sind wir aber dankbar, wenn wir Paare an die Universität berufen können, weil das Engagement der Kollegen einfach größer ist, wenn die Familie am Ort wohnt und sie nicht pendeln müssen." Auch Spitzenforscher achten heutzutage ja vermehrt auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Beim Gespräch mit Erwin Huber sitzt Schnitzer auf dem Podium, ihr Mann im Publikum. Beim gemeinsamen Abendessen diskutieren sie weiter. Man sei sich näher gekommen, sagen alle drei hinterher am Telefon. "Wir müssen möglichst allgemein verständlich formulieren", das nimmt Monika Schnitzer mit - sie ist da schon wieder auf dem Weg nach Berlin.