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Erfahrungsbericht:Einschränkung? Von wegen

Gina Gleißner

Eines ist Gina Gleißner wichtig, stellt sie klar. Sie ist ein Mensch mit Diabetes, keine Diabetikerin.

(Foto: Florian Peljak)

Nach dem Abitur ist Gina Gleißner, 22, für ein Jahr nach Benin in Westafrika gegangen. Heute studiert sie Sport. Und sie hat Typ-1-Diabetes. Geht das gut?

Von Katharina Horban

Um 7.30 Uhr hat Gina Gleißner im "Espace Eveils Djidjé" ihre ersten Umarmungen bekommen. Die Kinder kamen in der Vorschule im Armenviertel von Cotonou in Benin an, wo Gina nach ihrem Abitur 2017 für ein Jahr als Freiwillige gearbeitet hatte. Und sie berührten die junge Frau aus München, packten sie, liefen ihr hinterher, zogen sie herum. Alles ganz normal bei Drei- bis Fünfjährigen. Die freuten sich auf ein paar schöne Stunden am Tag, wo sie nicht im Dreck spielen oder mit ihren Müttern auf dem Markt oder in der Küche sein mussten. Aber Gina trug einen Sensor an ihrem Oberarm, der ihren Blutzucker misst. Und einmal rissen ihn die Kinder aus Versehen ab. "Ich hatte an dem Tag kein anderes Messgerät dabei und konnte meinen Blutzucker nicht messen. Das war ziemlich blöd", sagt die heute 22-Jährige.

Denn Gina hat die Autoimmunerkrankung Typ-1-Diabetes. Dabei bildet das Immunsystem Autoantikörper gegen die insulinproduzierenden Zellen im Körper und zerstört sie. Ihr eigener Körper richtet sich gegen sie. Jeden Morgen wie Abend und vor jeder kohlenhydrathaltigen Mahlzeit muss sich Gina Insulin spritzen. So ersetzt sie ihr fehlendes mit künstlichem Insulin.

Ohne den Sensor musste Gina an dem Tag noch mehr als sonst auf ihren Körper hören. Damals in Benin wechselte sie am Nachmittag in ihre zweite Arbeitsstelle, die "Baraque SOS". Die offene Jugendarbeitsstelle ist ein Ort für Mädchen, die auf dem Markt von Cotonou arbeiten. Ein Ort zum Ausruhen, Spielen und Lesen.

Heute studiert Gina im sechsten Semester Sonderpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und seit Herbst 2020 auch noch Sport im Doppelstudium an der TU. Nach dem Abitur mit der Trägerorganisation Don Bosco Volunteers erst ein Jahr in ein Entwicklungsland und jetzt noch ein Sport-Studium mit Diabetes? Geht das gut?

Sich wegen ihrer Krankheit einschränken, das ist Gina fremd. Eins ist ihr besonders wichtig: Sie ist ein Mensch mit Diabetes, keine Diabetikerin. An einem wechselhaften Montagnachmittag im Mai sitzt sie im Englischen Garten und trägt weiße Sportschuhe, blaue Jeans und über einem schwarzen Shirt eine in verschiedenen Blautönen gemusterte Jacke. An ihren Ohren baumeln hölzerne Elefanten-Ohrringe. Gina erzählt, dass sie um sieben Uhr morgens bereits beim Bouldern gewesen sei. Ihre Kletter-Skills hätten nachgelassen, nach dem Lockdown habe sie einiges aufzuholen in der Kletterhalle.

Snowboarden, Wandern - und eben Klettern. Gina ist jemand, der immer unterwegs ist. Ihr Zwillingsbruder hingegen, der sei das komplette Gegenteil von ihr. "Ein richtiger Stubenhocker", sagt Gina scherzhaft. "Einschränkung beginnt meistens im Kopf. Und meine Ärzte haben mir immer gesagt, dass der Diabetes mich nicht ausmacht. Ich stehe im Mittelpunkt mit meinen Wünschen und Zielen. Und dann schauen wir, wie wir das mit dem Diabetes hinbekommen", sagt sie.

Mit dieser Einstellung bekam Gina ihr Leben in Benin von 2017 bis 2018 auch meistens auf die Reihe. Nachdem ihr die Vorschulkinder in ihrem Übermut den Sensor vom Arm gerissen hatten, stieg sie bald darauf auf das Messen mit Blut um. Dabei sticht man sich mit einer feinen Lanzette in den Finger, gibt den Blutstropfen auf einen Teststreifen und führt den in das Blutzuckermessgerät ein. Dieses zeigt dann den Blutzuckerwert an.

Doch das wurde in Afrika zum Problem für Gina. Oft waren ihre Hände schmutzig. Die Kinder, mit denen sie arbeitete, wuchsen in einem Elendsviertel auf. Sie lebten im Müll. "Ich musste aufpassen, dass die Wunde am Finger sauber bleibt. Denn jedes Mal, wenn ich so meinen Blutzucker gemessen habe, verletzte ich mich", sagt sie. An Insulin mangelte es während ihres Freiwilligendienstes nicht. Die Probleme tauchten dann auf, wenn ihre Krankheit auf die Lebenswirklichkeit in einem Armenviertel in Benin traf. Darauf hatte sie keinen Einfluss. Und so machte Gina das, was sie kontrollieren konnte. Regelmäßig desinfizierte sie ihr medizinisches Equipment.

Doch in mancherlei Hinsicht gab es auch unerwartet Positives: Eine Zeit lang spritzte sich Gina verhältnismäßig wenig Insulin. In Cotonou stellte sich ihr Stoffwechsel um, in der Wärme verbrauchte sie mehr Energie als in München. "Es kam vor, dass ich einen Saft trinken konnte, ohne zu spritzen. Das war krass", sagt sie.

In Westafrika wussten nur wenige Leute, dass Gina Typ-1-Diabetes hat. In vielen Entwicklungsländern sei es so, dass Menschen mit einer chronischen Krankheit wie Diabetes als Problem gesehen werden. Problem heiße dort auch immer Geldproblem. Und viele denken bei Diabetes sofort an Typ 2, der oft durch ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung ausgelöst wird. "Diabetes ist super stigmatisiert. Darauf hatte ich keine Lust", sagt Gina. Aber bei Typ 1 spielen der persönliche Lebensstil, Übergewicht oder Bewegungsmangel keine Rolle. "Ich habe mir gesagt: Ich bin die Gina und irgendwann erfährt mein Gegenüber vielleicht, dass ich Diabetes habe. Ich will immer, dass mich jemand als Menschen kennenlernt und sieht, dass ich vollkommen normal lebe."

Nach Normalität strebt Gina auch mit ihrem Sport-Studium, das sie im Herbst vergangenen Jahres begonnen hat. Der Sportdidaktik-Teil in ihrem Sonderpädagogik-Studium hatte für sie schlichtweg zu wenig praktischen Sport. Gina will mehr Bewegung - und überwindet ihre Ängste, dass sie im schlimmsten Fall andauernd Unterzucker hat und aussetzen muss. "Die Dozenten sind verständnisvoll und mein Diabetes war bisher kein Problem. Ich bin immer da und fit", sagt Gina. Setzt sie kurz aus und holt sich einen Traubenzucker, sei das total in Ordnung. Die einzige Voraussetzung für das, was sie tut: Man müsse sich als Mensch mit Diabetes beim Sport richtig einschätzen können.

Ihr Volleyball-Dozent zum Beispiel sitzt im Rollstuhl. Und so findet Gina, kann sie auch Sport studieren. "Im Sport erlebe ich mich als kompetent, ich habe die Kontrolle über mich selbst und kann an Grenzen gehen." Da kommt ihr wieder zugute, was sie in Benin gelernt hat: Offen sein für alles, was kommt. Immer mit einem Lächeln auf die Menschen zugehen. So wie die Kinder aus der Vorschule im Armenviertel von Cotonou.

© SZ vom 25.05.2021
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