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Wartenberg:Hoffen auf bessere Zeiten

Einige Gärtnereien, wie Stockmaier und Cermak in Wartenberg, dürfen wieder öffnen. Ob sie den finanziellen Verlust ausgleichen können, ist offen

Da auf mehr als 50 Prozent der Verkaufsfläche in der Gärtnerei Pflanzen der Lebensmittelversorgung angeboten werden, dürfen auch Blühpflanzen wie Primeln und Alpenveilchen angeboten werden.

(Foto: Gerhard Wilhelm)

An den Tag, der den Alltag des Familienunternehmen Stockmaier und Cermak in Wartenberg massiv verändern sollte, kann sich Heidi Cermak noch gut erinnern: "Es war der Freitag, als Söder sagte, dass alle Gärtnereien zumachen müssen wegen Corona. An dem Tag sind die Leute in Massen reingekommen und haben alles aufgekauft, was nur gegangen ist. Das war schon anders als sonst." Und einen Tag später war die Gärtnerei, die 1899 Maria und Georg Bäuml in München als Grabkreuzwerkstatt mit Blumenverkauf gegründet hatten, geschlossen. "Dann begannen meine Tochter und ich zu überlegen, was machen wir jetzt", sagt Heidi Cermak. Immerhin saß man auf Tausenden von Pflanzen, die über Winter in den Gewächshäusern gezüchtet, gehegt und gepflegt worden waren, um im Frühjahr verkauft zu werden.

Ein Ausweg war, wenn die Kunden schon nicht mehr in die Gärtnerei dürfen, dass die Gärtnerei zu ihnen kommt: es wurde ein Lieferdienst eingerichtet. Das war noch erlaubt. "Wir mussten was tun, denn es ist schon Wahnsinn, was wir an Unkosten in der Gärtnerei im Winter haben", sagt die Leiterin. Von Oktober an produziere man fürs Frühjahr. Zum Beispiel Stiefmütterchen, das ganze Frühjahrs- aber auch Sommersortiment. Es werden Gemüse und Salate angebaut. Und die Kosten sind immens. Alleine schon für die Beheizung der Gewächshäuser mittels Gas und einem Blockheizkraftwerk gehe man mit rund 100 000 Euro in Vorkasse. Miteingerechnet, dass man mit dem Blockheizkraftwerk Strom erzeugt, der ins Netz eingespeist wird, wie Heidi Cermak sagt. Sogar die Abwärme werde genutzt. Aber nicht nur bei der Heizung gehe man in Vorkasse, bis man dann im Frühjahr wieder in den Verkauf gehen könne. "Wir haben zudem monatliche Stromkosten von rund 3000 Euro, dazu kommen die Personalkosten. Das alles muss später ab Frühjahr erwirtschaftet werden."

Doch dann kam die Schließung. "Vielen Leuten war das gar nicht so bewusst. In der ersten Woche danach kamen immer wieder Kunden, die rein wollten. Vor allem die ältere Generation tat sich wohl anfangs damit schwer", sagt Heidi Cermak. Der Lieferdienst wurde sofort sehr gut angenommen. Aber auch dafür habe man erst mal investieren müssen. "Man braucht Fahrzeuge, das Personal. Aber wir müssen jetzt verkaufen, denn der Sommer rückt schon nach." Ein Standbein blieb der Gärtnerei auch in der Zeit der Schließung: Ihr Mann bepflanzt 800 Gräber in München - was weiter erlaubt war. Dazu kommen weitere Dienstleistungen. Wie zum Beispiel Blumensträuße. "So viele Sträuße wie an Ostern hatten wir noch nie, höchstens mal an Muttertag."

Gurkenpflänzchen darf Heidi Cermak verkaufen.

(Foto: Renate Schmidt)

Aber was man tun durfte oder nicht, darüber rätselt Heidi Cermak noch heute: Jeden Tag sei was Neues vom Gärtnereiverband oder Landwirtschaftsministerium per Newsletter gekommen. So habe man in der Woche vor Ostern erfahren, dass es einen "Vertrauensverkauf" geben darf. Aber nur im Außenbereich. Einen richtigen Verkauf mit Kasse gab es nicht, jeder Kunden musste selber zusammenrechnen, was er gekauft hatte und konnte das Geld dann in eine Schachtel werfen - oder später überweisen. "Besser als wegwerfen", sagt Cermak. "Ob der Kunde alles bezahlt oder nicht, ist nicht entscheidend. Man muss halt Vertrauen haben. "

Hund Emma bewacht inzwischen die Pflanzerde.

(Foto: Renate Schmidt)

Doch nicht jeder freute sich offenbar, endlich für den Garten oder Balkon etwas Buntes, Blühendes kaufen zu können, oder Tomaten- und Gurkenpflänzchen für die spätere Ernte. "Am Mittwoch kamen dann plötzlich drei Polizisten", erzählt die Gärtnereileiterin. "Die waren sehr nett und sagten, bei ihnen habe jemand eine Anzeige erstattet, weil wir einen Straßenverkauf haben. Natürlich waren wir in dem Moment nach den ständig sich ändernden Vorschriften unsicher, darf man nun, oder doch nicht?" Schließlich habe sie dann doch den aktuellen Newsletter gefunden und den Polizisten gezeigt. "Letztlich haben sie nur ein paar Fotos gemacht und uns nicht gesagt, dass wir zusperren müssen und sind wieder gefahren. Keine Ahnung was rauskommt."

Seit Dienstag darf die Gärtnerei wieder aufhaben. Doch das hat Heidi Cermak auch erst nach einem Telefonat mit dem Landratsamt mit Sicherheit gewusst. Voraussetzung für eine Öffnung sollte nämlich sein, dass ausschließlich Produkte zur Lebensmittelversorgung (zum Beispiel Obst, Gemüse, Salat-, Gurken- oder Tomatensetzlinge) angeboten werden und ein vom sonstigen Sortiment klar abgegrenzter Verkaufsbereich gegeben ist. Gärtnereien, bei denen auf mehr als 50 Prozent der Verkaufsfläche Lebensmittel beziehungsweise Pflanzen dafür angeboten werden, sollten die komplette Verkaufsfläche öffnen und auch das restliche Sortiment (Zierpflanzen zum Beispiel) mitverkaufen dürfen. "Das erfüllen wir."

Ob der bisherige finanzielle Verlust noch aufgefangen werden kann, weiß Heidi Cermak nicht: "Wenn es jetzt mit der Öffnung bleibt, vielleicht, aber wenn wir wieder schließen müssen oder im Personal einen positiven Coronafall haben, dann nicht." Einen weiteren Ausfall könne man nicht mehr auffangen. "Fragen sie mich in drei Monaten wieder."

© SZ vom 15.04.2020

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