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Tourismus:Anhaltend schlechte Aussichten

Bernd Schmid

Bernd Schmid, Inhaber der Flugbörse Erding, lässt sich trotz allem seinen Optimismus nicht nehmen: "Es geht langsam wieder aufwärts."

(Foto: Stephan Görlich)

Die Reisebranche leidet weiter unter der Corona-Krise. Wer überhaupt in den Urlaub fährt, tut das derzeit am liebsten mit dem eigenen Auto und organisiert auch den Rest selbst

Von Renan Marie Halaceli, Erding

"Wenn es nicht bald einen Impfstoff gibt, sehe ich schwarz." Wolfgang Linner, Inhaber des gleichnamigen Erdinger Busreise-Unternehmens, hat wie so viele in der Reisebranche weiterhin Existenzangst. Auch wenn die Buchungen allmählich wieder anlaufen, kann er noch keine wesentlichen Entspannung erkennen. Es fehlt noch viel, bis die Umsätze wieder kostendeckend sind.

Linners einzige Rettung derzeit sind die Fahrradreisen, auf die er sich bereits Anfang der 1990er-Jahre spezialisiert. Doch das übliche Geschäft, die Vereinsfahrten, Seniorenausflüge und Klassenfahrten fallen alle noch komplett weg. "Wir hatten auch viele Chinesen und Amis, die Busreisen gebucht haben, aber das ist passé", sagt Linner. Die älteren Kunden haben keine Lust mehr auf Reisen in diesem Jahr und auch die Maskenpflicht während einer Busfahrt schreckt ab. Nur ein Dutzend Ausflüge in Deutschland, nach Österreich und Italien sind bis September noch geplant. Was dann kommt, weiß Linner nicht. Aktuell sind drei von sechs Bussen abgemeldet, zwei von drei Mitarbeitern arbeiten nur stundenweise. Zweimal gab es bereits Hilfe vom Staat, doch auch das sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen, sagt Linner: "Unser gesamtes Kapital, unsere Reisebusse sind in der jetzigen Lage fast nichts mehr wert."

Die Situation in den Reisebüros ist nicht leichter. Es gibt zwar wieder Neubuchungen. Doch es reicht bei weitem nicht, um zum Normalbetrieb zurückzukehren. "Die Leute sind sehr verunsichert", berichtet Angelika Huber, Leiterin im Reisebüro Scharf. Viele würden gerne verreisen, trauten sich aber nicht. Anderen fahren nach all den Reisewarnungen, Flug- und Hotelstornierungen lieber mit dem Auto in den Urlaub und organisieren ihre Reise selbst. Die Stornierungen von Pauschalreisen in den vergangenen Monaten sei zwar zum größten Teil abgewickelt. Doch viele Kunden haben bis heute noch kein Geld erhalten. "Die Veranstalter ändern fast täglich ihre Bedingungen", sagt Huber, "da ist es schwer verbindlich zu bleiben."

Karin Keller und Corinna Gunst, Partnerinnen und Inhaber des Reiseatelier Erding, erleben dieser Tage aber nicht nur den Frust und Ärger der Kunden, sondern von vielen auch Verständnis und Zuspruch. "Wir haben sehr liebe Kunden, die uns Zuversicht geben, uns Care-Pakete schicken, weil sie wissen, wie viel wir für sie tun", erzählt Gunst. Für sie und ihre Geschäftspartnerin ist die Situation sehr belastend. Noch fehle eine positive Perspektive. Die aktuelle Situation fühle sich an wie ein Marathon, bei dem man nicht weiß, wie weit das Ziel noch entfernt sei, beschreibt Gunst ihren physischen und psychischen Zustand. Das Konjunkturpaket, das für Reisebüros ausgeschrieben wurde, könnte helfen. Doch die Antragsstellung erweise sich als sehr zeitaufwendig. Zeit, die eigentlich nicht da sei, da man sich auf die Zufriedenstellung der Kunden konzentrieren müsse und wolle.

Auch wenn das Geschäft zäh bleibt, gibt es doch auch Menschen, die verreisen und verreisen wollen. Am besten laufen aktuell Aktivreisen in Deutschland, Österreich, Kroatien und Italien. Doch auch hochwertige Reisen nach Griechenland und Mallorca wurden zuletzt kurzfristig gebucht. Ansonsten gibt es aber weiterhin wenig Nachfrage nach Flugreisen. Um eine Stornierung zu umgehen, warten viele etwa auf eine Entwarnung aus Portugal.

Etwas entspannter klingt die Lage hingegen bei der inhabergeführten Flugbörse Erding. "Es geht langsam wieder aufwärts", sagt Bernd Schmid,"die Leute fragen wieder und wollen wieder." Der Zeithorizont liegt in der Ferne, gebucht wird für Ende 2020 oder 2021. Zuletzt waren jedoch auch wieder Last-Minute-Angebote für Italien, Kroatien oder Spanien gefragt. Wobei Flugreisen nach wie vor etwas unsicher bleiben. Die Lufthansa hat erst vor kurzem begonnen für die Corona bedingten Annullierungen Erstattungen auszuzahlen. Lange hielt sich die selbst in existenzielle Schwierigkeiten gekommene Airline damit zurück. Es sei zwischenzeitlich aussichtslos gewesen, bei der Lufthansa irgendwen ans Telefon zu bekommen, sagt Schmid.

Bei einer Sache sind sich alle in Betroffenen in der Reisebranche aber einig: Sie geben nicht auf und kämpfen weiter für den Erhalt ihrer Büros und Unternehmen.

© SZ vom 27.07.2020

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