Risse in den Wänden  Forscher wollen Untergrund erkunden

Die Poinger Erdbeben hängen vermutlich mit der Geothermie zusammen

Von Barbara Mooser, Poing

Noch immer ist den Menschen die Aufregung darüber anzumerken, was sie da an diesem 9. September erlebt haben. Ein gewaltiger Knall, spürbares Rütteln, "ich dachte, das Nachbarhaus ist explodiert", sagt eine Poingerin. Dass die Geothermie dieses Beben und die vier im Jahr 2016 - zwei davon spürbar - ausgelöst hat, ist zwar nicht bewiesen, aber wahrscheinlich. Und weitere sind laut Inga Moeck vom Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik nicht ausgeschlossen. Sie und ihre Kollegen würden der Ursache gern auf den Grund gehen und ein Poinger Forschungsprojekt in Angriff nehmen: Mit Hilfe von 3-D-Seismik könnte die Beschaffenheit des Bodens exakt untersucht werden. Aber auch die Poinger könnten mitwirken, ihr schwebe echte "Citizen Science" vor, sagte Moeck am Freitag in Poing.

Die Erdbebenexpertin war eine begehrte Ansprechpartnerin bei einer Informationsveranstaltung der Gemeinde und der Bayernwerk Natur GmbH, die die Geothermieanlage in Poing betreibt. Mehr als 350 Besucher studierten die Infotafeln in der Dreifachturnhalle und tauschten sich mit den Fachleuten aus. Die Beunruhigung in der Gemeinde war unmittelbar nach dem Beben groß gewesen, vor allem, weil erstmals auch Schäden gemeldet wurden. Eine Anwohnerin aus dem Augustusring berichtete, dass sich seit dem Beben ein Wulst in der Schlafzimmerwand abzeichnet, wie ein sehr langer Regenwurm, der unter dem Putz entlang kriecht. 48 Poinger haben Risse in den Wänden und andere Schäden gemeldet, die Bayernwerk Natur GmbH lässt diese nun von Gutachtern überprüfen.

Es hat sich laut Moeck, die im Auftrag der Bayernwerk Natur GmbH ein Gutachten zu den Beben verfasst hat, eigentlich um ein vergleichsweise schwaches Beben gehandelt. Selbst ein denkmalgeschütztes, weniger stabiles Haus müsste das eigentlich locker aushalten. Jedoch hängen die Folgen auch vom Untergrund ab, auf dem das Haus gebaut ist. Gründet es etwa auf Seesedimenten oder Lößlehm, könne eine solch schwache Erschütterung laut Moeck durchaus Schaden verursachen.

Was die konkrete Ursache der Beben betrifft, kann Moeck derzeit nur Vermutungen anstellen: So könnte es sein, dass das geförderte Wasser kalkhaltiger ist als jenes, das wieder zurück in den Boden geführt wird. Das calcitärmere Wasser könnte Risse im Untergrund, die sich durch Kalkablagerungen geschlossen haben, ausspülen und somit die Gesteinsplatten wieder beweglicher machen. Dass in der Nähe von Geothermieanlagen kleine Erdbeben auftreten, ist nicht ungewöhnlich, auch in Unterhaching wurde dieses Phänomen registriert. Im ersten Jahr nach der Inbetriebnahme hat es dort viele kleine und einige spürbare Beben gegeben. Ungewöhnlich in Poing ist laut Moeck, dass die Erde erst bebte, als die Anlage schon einige Jahre lief.

Nicht zuletzt deshalb möchte sie sich darum bemühen, am Beispiel Poing noch mehr herauszufinden über die Zusammenhänge zwischen Geothermieanlagen und Erdbeben. Ein Schritt dazu wäre, eine 3-D-Seismik erstellen zu lassen, ähnlich wie es die Stadtwerke im vergangenen Jahr in München gemacht haben. Dabei wird über das zu untersuchende Areal ein Gitternetz gelegt, an den Schnittstellen lösen spezielle Maschinen leichte Schwingungen im Untergrund aus und messen, wie der Boden darauf reagiert. Auf diese Weise lässt sich genau ableiten, wie die Bodenschichten beschaffen sind. Moeck vergleicht das mit Ultraschall, mit Hilfe dessen man Besonderheiten im menschlichen Körper sichtbar machen kann. Auch könnten die Poinger mithelfen, die Phänomene besser zu erfassen, indem sie beispielsweise Wahrnehmungen auf einer speziell konzipierten Internetseite eingeben. Denkbar wäre laut Moeck eine Förderung des Projekts durch das Bundeswirtschaftsministerium. Mit Bürgermeister Albert Hingerl hat sie am Freitagabend diesen Vorschlag bereits besprochen und ist auf Anklang gestoßen. "Ich unterstütze natürlich die Idee und hoffe, dass das Forschungsprojekt zustande kommt", sagt er.