Besonderes Schwammerl-Jahr:"Im Herbst gab es eine wahre Explosion"

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Besonderes Schwammerl-Jahr: Unterwegs mit dem Pilzexperten Andreas Herbrecht aus Forstern: Noch im November hat er in diesem Jahr Schwammerl wie Rotfuß- und Maronenröhrling, den giftigen Kahlen Krempling, den Grünblättrigen Schwefelkopf und den Würziger Tellerling gefunden.

Unterwegs mit dem Pilzexperten Andreas Herbrecht aus Forstern: Noch im November hat er in diesem Jahr Schwammerl wie Rotfuß- und Maronenröhrling, den giftigen Kahlen Krempling, den Grünblättrigen Schwefelkopf und den Würziger Tellerling gefunden.

(Foto: Renate Schmidt)

Pilzexperte Andreas Herbrecht aus Forstern blickt auf eine außergewöhnliche Saison zurück und erklärt, warum sich in Zeiten des Klimawandels auch Sammler anpassen müssen.

Von Niklas Martin, Erding

Schon seit Kindheitstagen ziehen sie ihn in den Bann. Die Leidenschaft und Euphorie überträgt sich sogleich, wenn Andreas Herbrecht vom Pilzreichtum der vergangenen Wochen spricht. Im Gespräch mit der SZ blickt der Pilzberater auf die vergangene Saison zurück und erklärt, warum sich derzeit einiges verändert.

"Der Sommer war enorm trocken", sagt Herbrecht, der auch Exkursionen anbietet. "Deshalb gab es bis Mitte September fast nichts. Pilze bestehen zu über 90 Prozent aus Wasser. Wenn der Waldboden, wie im vergangenen Sommer, staubtrocken bleibt, wachsen auch keine Pilze."

Ein Traumjahr für Steinpilze, dafür aber wenig Pfifferlinge

"Schwammerlzeit ist grundsätzlich von Juli bis Ende Oktober", so Herbrecht. "Kommt der erste Frost, ist es vorbei mit den Pilzen." Wichtig sind dabei zwei Parameter: genug Feuchtigkeit und nicht zu kalt sollte es sein. "Dann wachsen Pilze wunderbar." Durch den trockenen und heißen Sommer waren bis in den September hinein kaum Schwammerl zu finden. Anschließend sei es jedoch zu einer wahren "Explosion" gekommen. Gerade der Oktober sei ein Traummonat für Pilzliebhaber gewesen. "Vor allem bei Steinpilzen und generell den Röhrlingsarten war die Ausbeute in diesem Jahr überdurchschnittlich." Pfifferlinge hingegen waren nur schwer aufzuspüren. Selbst jetzt, Mitte November, springt für Herbrecht, wie er sagt, noch das eine oder andere Abendessen heraus.

Auch Pilze reagieren auf ein sich änderndes Klima

Dass es Mitte November überhaupt noch Pilze zu finden sind, ist für Herbrecht ein deutliches Signal eines sich ändernden Klimas: "Früher gab es den ersten Frost zum Teil schon im September. Dieses Jahr hatten wir erst vor kurzem, also Anfang November, den ersten richtigen Reif."

"Die Wachstumsperioden verschieben sich", schildert Herbrecht. "Und auch die Arten reagieren darauf. Beispielsweise beobachtet er seit längerem, dass sich auch hierzulande der "Wohlriechende Trichterling" angesiedelt hat. Eine Art, die eigentlich im mediterranen Raum heimisch und zudem stark giftig ist. Grundsätzlich werden Arten, die mit Trockenheit und Wärme gut zurecht kommen, sich unter den geänderten Klimabedingungen verstärkt ausbreiten, während andere verschwinden oder in feuchtere Regionen abwandern. Schwammerl-Sucher müssen sich demnach, wie auch Land- und Forstwirte auf Veränderungen einstellen.

Der eigentliche Pilz lebt unter der Erde

Dass die beliebten Speiseobjekte gerade im Spätsommer und Herbst aus dem Boden sprießen, hat seinen Grund, wie Herbrecht erklärt: "Im Prinzip ist der Pilz ein riesiger Baum komplett im Boden. Das was wir zu sehen bekommen, sind lediglich die Früchte, wie Äpfel an einem Apfelbaum.

Zwei Arten von Pilzen lassen sich unterscheiden. Zum einen die "reinen Streuzersetzer" wie etwa der Champignon. Dieser baut abgestorbenes organisches Material, etwa Laub oder Totholz, ab und generiert daraus seine Nahrung. Die zweite Art sind die sogenannten Mykorrhiza-Pilze. Sie können sich aus eigener Kraft nicht selbst versorgen und gehen dadurch eine Symbiose mit den benachbarten Bäumen ein. Der Pilz liefert dabei dem Baum wertvolle Nährstoffe, die er aus dem Boden anreichert. Im Gegenzug spendiert der Baum dem Pilz Energie, oder besser gesagt Zucker, den dieser wiederum durch Photosynthese erzeugt. Kooperation ist hier das Stichwort.

Der Pilz als "Das Internet des Waldes"

Die Kooperation geht offenbar aber weit über den reinen Stoffaustausch hinaus. Das Pilzgeflecht im Boden, das sogenannte Myzel, dient den Bäumen auch zum Informationsaustausch. Bei Schädlingsbefall könne man beobachten, so Herbrecht, dass die Bäume sich untereinander warnen: "Wenn einer anfängt, Abwehrstoffe zu produzieren, erfahren das die umliegenden Bäume über das Myzel und können so frühzeitig reagieren." Herbrecht spricht vom "Internet des Waldes".

Der Wald könne durch das riesige unterirdische Netzwerk der Pilze als ein zusammenhängender Organismus betrachtet werden. Schwache Bäume unterstützten beispielsweise "schwächere Kollegen". Und das wiederum geht nur über die Vermittlungsfunktion der Pilze.

Die Netzwerke sind gewaltig. Das größte bekannte Exemplar befindet sich im amerikanischen Bundesstaat Oregon. Der "Hallimasch" soll ganze neun Quadratkilometer groß und mehrere Tausend Jahre alt sein. Damit ist er das größte Lebewesen der Erde. "So groß sind unsere heimischen Exemplare selbstverständlich nicht", erklärt Herbrecht und ergänzt: "Aber dafür umso schmackhafter." Am liebsten genieße er seine Schwammerl mit selbstgemachten Semmelknödeln. Wenn die Zeit drängt, sei Pasta mit einer feinen Pilz-Sahne-Soße aber auch eine schmackhafte Alternative.

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