bedeckt München 27°

Oberding:Oberding brennt wieder

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie wird die 2013 stillgelegte Brennerei wieder aktiviert. Innerhalb von zwei Tagen läuft die Produktion von Alkohol aus heimischen Kartoffeln wie am Schnürchen. Aus dem Ethanol wird im Feuerwehrzentrum Desinfektionsmittel hergestellt

Von Regina Bluhme, Oberding

Sieben Jahre lang stand die Anlage der Brennereigenossenschaft Oberding still. Niemand glaubte mehr daran, dass in den Destillen aus den 70er Jahren jemals wieder Kartoffeln zu Alkohol verarbeitet werden würden. Doch seit 20. März läuft die Destillieranlage auf Hochtouren. Im Kampf gegen das Coronavirus wird mit dem in Oberding produzierten Alkohol im Erdinger Feuerwehrservicezentrum dringend benötigtes Desinfektionsmittel für Kliniken und Pflegeeinrichtungen hergestellt. Und Oberding kann liefern. Bis zu 2000 Liter am Tag.

Als wäre die Anlage nie stillgestanden: Innerhalb von zwei Tagen lief in der seit 2013 geschlossenen Brennerei in Oberding wieder die Produktion.

(Foto: Renate Schmidt)

Es ist noch gar nicht so lange her, da produzierte die Oberdinger Brennerei die Grundlage für Kosmetik, Arzneimittel und Spirituosen. In Oberding und in Niederding gab es je eine kleine Brennerei, in denen Kartoffeln der Genossenschaftsmitglieder zu Alkohol verarbeitet wurden. 2013 war dann in Oberding Schluss, in Niederding wurde die Brennerei 2016 abgerissen. "Ich hab immer gedacht: Einst kommt der Tag, wo wir wieder brennen", sagt Fritz Müller, der Vorstand der Oberdinger Brennereigenossenschaft. Er freut sich, dass die Anlage nach all der Zeit einwandfrei funktioniert, der Anlass allerdings sei traurig.

Brennmeister Werner Ippisch ist täglich im Einsatz.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Wiederbelebung der Brennerei, Baujahr 1971, war die Idee von Kreisbrandinspektor Lorenz Huber, der aus Oberding stammt und im Katastrophenschutz im Einsatz ist. Im Kampf gegen das Coronavirus werden Desinfektionsmittel knapp. "Die Grundlage dafür ist Ethanol und da erinnerte ich mich an die Brennerei", so Huber. Seine Idee fand bei den Behörden sofort Unterstützung und innerhalb von zwei Tagen lief die Produktion an. Das gelang auch so reibungslos, weil Werner Ippisch, Oberdings Brennmeister von 1997 bis 2013, die Anlage in "Tip-Top-Zustand" hinterlassen hatte, so Fritz Müller. Jetzt steht Ippisch wieder an Gärbottich und Destillierkolonne, zusammen mit dem ehemaligen Niederdinger Brennmeister Stefan Hofmann, der als Brauer vom Erdinger Weißbräu für den Dienst freigestellt wurde. "Den ersten Tag haben wir die ganze Nacht durchgearbeitet. Aber es läuft und das macht Spaß", sagt Ippisch. Hofmann erinnert sich noch genau an den Anruf von Ippisch am 18. März: "Wir brennen wieder." Exakt um 12.09 Uhr sei das gewesen, "das weiß ich noch genau, ich hab's erst nicht geglaubt". Jetzt stehen die beiden täglich von 7 bis 14 Uhr an den Gärbottichen, den Maischebehältern und Destillierkolonnen.

Die Kartoffeln werden zu Alkohol verarbeitet.

(Foto: Renate Schmidt)

Erst kürzlich hat sich Landrat Martin Bayerstorfer vor Ort selbst ein Bild über die Produktion gemacht. Dabei dankte er allen, die "sich mit ihrem Können und ihren Möglichkeiten bei der Bewältigung der Corona-Pandemie einbrächten". Und dazu gehören eindeutig die Oberdinger mit ihrer Alkoholherstellung. Aus zehn Tonnen Kartoffeln mit einem Stärkegehalt von 16 Prozent konnten bereits 1000 Liter 86-prozentiger Alkohol hergestellt werden, informiert das Landratsamt vor wenigen Tagen. Dieser werde nun "selbstverständlich streng vom Zoll überwacht", ins Feuerwehrservicezentrum gebracht und von Stadtapotheker Armin Braun zu Desinfektionsmittel verarbeitet.

Stefan Hofmann war in der Brennerei in Niederding Brennmeister. Jetzt arbeitet er in Oberding.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Kartoffeln stammen von Mitgliedern der Brennereigenossenschaft. Es handelt es sich bei der Ware nicht um sogenannte Stärkekartoffeln, wie üblicherweise für Schnapsbrennerein üblich, sondern um sogenannte "Pommeskartoffeln" mit einem geringeren Stärkegehalt, informiert Werner Ippisch. Die beiden Brennmeister sind aber hochzufrieden. Und wenn alle Stricke reißen sollten, dann gibt es ja immer noch Getreide, aus dem sich der dringend benötigte Alkohol herstellen lässt. Der Nachschub wird in Kliniken und Pflegeeinrichtungen im Landkreis dringend benötigt. Nicht nur dort. Mittlerweile erreichen den Landkreis Erding auch Anfragen von den Nachbarn. Die Oberdinger Alkohol-Produktion deckt den Bedarf im Landkreis zur Produktion von Desinfektionsmittel nicht nur vollständig ab - es konnten sogar 2000 Liter 84-prozentigen Ethanols an das Klinikum Rosenheim geliefert werden. Bayerstorfer ist heilfroh um die Oberdinger Brennerei. Für ihn stehe fest, dass die Anlage auch nach dem Ende der Pandemie auf jeden Fall bestehen bleiben müsse, "das muss es uns auch in Cent und Euro wert sein."

© SZ vom 28.03.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite