Im Landkreis:Für den Fall der Fälle

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Portrait

Dr. Peter Schmidkonz.

(Foto: Renate Schmidt)

Eine lokale Ethikkommission steht Klinikmedizinern als Gesprächspartner bereit, falls es zur Triage-Situation kommt - wonach es derzeit nicht aussieht

Von Florian Tempel, Erding

Die Lage in den Krankenhäusern bleibt angespannt, sagt Rainald Kaube, der Krankenhauskoordinator für die Landkreise Erding, Freising und Ebersberg. Doch die bundesweiten Verlegungen von Intensivpatienten nach dem Kleeblatt-System trügen dazu bei, dass sich die Situation derzeit nicht dramatisch zuspitze. Zwei Patienten aus dem Klinikum Erding sind in der vergangenen Woche mit Intensivtransportwagen in mehrstündigen Fahrten in Krankenhäuser in der Mitte Deutschlands verlegt worden. Ein Patient aus Freising und einer aus Ebersberg sind in Kliniken in Norddeutschland geflogen worden. Das hört sich für den Laien zwar nicht nach viel an. Allerdings kämen aus verschiedenen Gründen nur zehn Prozent der Intensivpatienten überhaupt für eine derartige Verlegung in Frage, erklärt Kaube. Doch auch wenn es nur wenige Patienten seien, "es führt zu einer gewissen Stabilisierung im Intensivbereich".

Gleichwohl finden auch innerhalb Oberbayerns weiterhin viele Verlegungen zwischen den Kliniken statt. Auch das ist ein erprobtes und probates System. "Wir haben den anderen geholfen, nun helfen die anderen uns", sagt Rainald Kaube. Neben schwerkranken Covid-19-Patienten sind derzeit jedoch vermehrt andere Patienten zu versorgen. Stürze und Unfälle bei Schnee und Eisglätte "sind für uns das normale Tagesgeschäft in dieser Jahreszeit."

Alles andere als alltäglich wäre es, wenn es im Klinikum Erding zu einer gefürchteten Triage-Situation kommen würde. Danach sieht es derzeit aber nicht aus. Dennoch hat man sich in Erding in besonderer und bemerkenswerter Weise vorbereitet. Schon während der ersten Welle wurde eine lokale Ethikkommission gebildet, die als Gesprächs- und Beratungspartner für die Mediziner des Klinikums fungieren kann. Der pensionierte Erdinger Internist und Onkologe Peter Schmidkonz hat die interdisziplinär besetzte Gruppe aufgestellt, die bislang freilich noch nicht zum Einsatz gekommen ist. Angesichts der Dramatik der vierten Welle hat sich die Kommission jedoch erst vor kurzem in einer Videokonferenz zusammengeschaltet. "Wir sind wieder bereit", sagt Schmidkonz. Zur Erdinger Ethikkommission gehören: Rita Gabler, die designierte Leiterin des Sophien-Hospiz', Ingrid Kaps, die Direktorin des Amtsgerichts, der Erdinger Stadtpfarrer Martin Garmaier, der evangelische Pfarrer Henning von Aschen, die katholische Klinikseelsorgerin Lisa Müller, der Diplompädagoge Anton Huber und Emre Keles, Religionsbeauftragter der Islamischen Gemeinschaft Erding.

Thomas Edrich, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Erding, war im Frühjahr 2020 auf ihn zugekommen, sagt Schmidkonz, und hatte ihn um den Aufbau der Ethikkommission gebeten. Es gab keine gesetzliche Verpflichtung für eine solche lokale Gruppe, aber ein berechtigtes Bedürfnis. Es war damals nicht sehr gut geregelt, wie Mediziner entscheiden sollten, wenn es "um das Thema der Zuteilung von beschränkten Ressourcen" geht. Auch Ärzte forderten damals eine breitere Diskussion über das schwierige Thema. In großer Eile erstellte der Intensivmedizinverband DIVI im April 2020 Empfehlungen. Vor zwei Wochen wurde die mittlerweile dritte Version des Papiers publiziert. "Da steht nun klarer drin, was man tun soll." Genau definierten Kriterien gäben den Verantwortlichen bessere Entscheidungshilfe. Ganz explizit werde etwa festgestellt, dass Impfstatus oder Alter keine Plus- oder Minuspunkte sein dürfen. "Es gab ja Berichte aus Italien und Straßburg, wo es pauschal hieß, jeder über 80 Jahre kommt nicht auf die Intensivstation", sagt Schmidkonz, "das geht so nicht".

Die Erdinger Kommission sei aber nie als Entscheidungsgremium, sondern nur als Gesprächspartner gedacht gewesen. "Die Entscheidungen werden in der Klinik getroffen", betont Schmidkonz, "aber wir stehen bereit für Gespräche, wenn es notwendig ist."

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