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Im Johanniscafé Dorfen:Lokale NS-Geschichte

Hans Elas und Georg Wiesmaier referieren über Karrieren im Dritten Reich: Albert Hartl und Josef Martin Bauer

Josef Martin Bauer (1901 - 1970) und Albert Hartl (1904 - 1982) waren Kindheits- und Jugendfreunde. Sie kannten sich aus Hofkirchen, das damals noch nicht nach Taufkirchen eingemeindet war. Beide waren Zöglinge in den katholischen Internaten in Scheyern und Freising. Beide fühlten sich für die Priesterlaufbahn bestimmt, schlugen aber ganz andere Wege ein. Ihre Lebensläufe sind Gegenstand einer Geschichtswerkstatt der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am kommenden Montag, 17. Juli, im Johanniscafé in Dorfen. Referenten sind die früheren Geschichtslehrer Hans Elas und Georg Wiesmaier.

Elas und Wiesmaier teilen ein gemeinsames Anliegen: Die Zeit des Nationalsozialismus ist, 72 Jahre nach ihrem Ende, auf lokale Ebene noch immer weitgehend tabuisiert, die zwölf Jahre des tausendjährigen Reichs werden beschönigend oder verfälscht dargestellt. Elas sagt, er wolle die Geschichte dieser Zeit nicht nur "von oben", sondern "von unten" her nachvollziehbar und am eigenen Ort erlebbar zu machen. Er widmet sich Albert Hartl, der in der Bevölkerung zwar so gut wie unbekannt ist, dessen Werdegang vom katholischen Zögling zum SS-Sturmbannführer jedoch gleichermaßen außergewöhnlich wie exemplarisch ist. Elas hat bei seinen Recherchen Materialien an die Oberfläche gebracht, die helfen sollen, die NS-Zeit aufzuarbeiten und aus der Geschichte zu lernen.

Albert Hartl besuchte die Benediktiner-Klosterschule in Scheyern und anschließend das erzbischöfliche Seminar in Freising. Nach der Priesterweihe 1929 wurde er Lehrer und geistlicher Präfekt im katholischen Knabenseminar in Freising. Es folgten seine Abkehr von der Kirche, seine Hinwendung zu den Nazis und 1933 der Beitritt in die SS. Im NS-Regime war Hartl dann an führender Stelle im Reichssicherheitshauptamt dafür mitverantwortlich, dass katholische Geistliche - wie der ihm sicher persönlich bekannte Korbinian Aigner - in Konzentrationslager kamen.

Der Zuhörer seines Vortrags solle mit folgender Erkenntnis nach Hause gehe, wünscht sich Elas: Nicht nur NS-Funktionsträger wie Joseph Goebbels, Hermann Göring und Heinrich Himmler seien für die nationalsozialistischen Gräueltaten verantwortlich, sondern "Hinz und Kunz aus einem Dorf, einfache Leute, die rasch hochgekommen sind", waren verstrickt und hätten nach 1945 oft nichts mehr davon wissen wollen. Es gelte, diese Verdrängungsstrategie gründlich zu hinterfragen, sagt Elas. Die Aufarbeitung der Geschichte helfe künftigen Generationen, sich gegen faschistische Bewegungen in der heutigen Gesellschaft zu stellen.

Georg Wiesmaier, ebenfalls ehemaliger Geschichtslehrer aus Dorfen, widmet sich in seinem Vortrag über Josef Martin Bauer vor allem dessen Kindheit, seiner Jugend und den ersten beruflichen Erfahrungen. Hierzu zieht er bisher unveröffentlichte autobiografische Materialien heran, die er im Literaturarchiv in Marbach ausfindig gemacht hat. Bauer besuchte ebenfalls das Benediktinerseminar in Scheyern, entzog sich aber schneller als Hartl einer auch für ihn vorgesehenen theologischen Laufbahn. Bauer wurde aus dem Seminar verwiesen, sogar seine eigene Mutter habe ihm Hausverbot erteilt, weiß Wiesmaier. Die Gründe dafür seien aber nicht bekannt. Bauer wurde Redakteur der Lokalzeitung in Dorfen. Doch schon bald gab er seine journalistische Tätigkeit auf und publiziert fortan Romane, Erzählungen, Novellen und Hörspiele. 1937 trat er in die NSDAP ein. Laut Wiesmaier gehörte er zu den Spitzenverdienern in der NS-Zeit.

Seinen berühmtesten Roman "So weit die Füße tragen" schrieb er erst nach dem Zweiten Weltkrieg. In dem 1955 erschienen Bestseller schildert er die angeblich wahre Flucht eines deutschen Oberleutnants aus der Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Umfangreiche Nachforschungen lassen mittlerweile starke Zweifel an der historischen Authentizität der geschilderten Ereignisse aufkommen. Bauer erhielt als Autor mehrere Auszeichnungen und Preise, wie den Ehrenring des Landkreises Erding und den Bayerischen Verdienstorden.

Elas und Wiesmaier planen weitere Veranstaltungen. In den kommenden zwei Jahren jährt sich die kurze Epoche der Räterepublik 1918/19, deren Geschichte sie ebenfalls auf lokaler Ebene präsentiert werden.

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