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Hundert Jahre Freistaat:Revolutionsabend im Jakobmayer

Revolutionäre Dorfener, darunter auch ein Ehepaar mit Kind. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1919.

(Foto: OH)

Die Geschichtswerkstatt Dorfen präsentiert ein hochinteressantes Programm mit Vorträgen, Lesungen und Liedern

Wer sich auch nur ein bisschen für Geschichte im Allgemeinen und lokale Geschichte im Speziellen interessiert, muss am Mittwochabend ins Kulturzentrum Jakobmayer kommen. Die Geschichtswerkstatt Dorfen hat ein geradezu sensationell interessantes Programm zum Freiheitskampf in Bayern vor hundert Jahren zusammengestellt. In mehreren Vorträgen wird beleuchtet, wie es zur Revolution kam, wer beteiligt war, was damals genau in Dorfen geschah und welche Rolle die Frauen sowie der reaktionäre Forstrat Georg Escherich aus Isen spielten. Alle Vorträge werden mit vielen zeitgenössischen Fotografien und Dokumenten illustriert. Das Gitarrenduo Isen präsentiert revolutionäre Lieder. Außerdem wird aus dem Tagebuch eines Münchner Revolutionsarztes gelesen, das dieser 1919 auf seiner Flucht, die ihn auch durch den Landkreis Erding führte, verfasste.

Schorsch Wiesmaier recherchiert schon seit Jahren zusammen mit Hans Elas und anderen Mitgliedern der Geschichtswerkstatt Dorfen über die Revolution in Bayern, wobei der Fokus auf den lokalen Ereignissen und Personen liegt. Zur Einordnung wird zum Auftakt des Abends Andreas Salomon einen Überblick geben. Salomon ist ein großer Kenner des Themas und hat sich intensiv mit der Lokalgeschichte im Raum Rosenheim beschäftigt. Erst vor wenigen Tagen ist auf seine Initiative in Kolbermoor eine Denkmal für zwei Mitglieder des dortigen Volksrats eingeweiht worden, die im Mai 1919 von Weißgardisten ermordet wurden.

Was die Revolution für die Frauen bedeutet und welche Rolle sie spielten, ist das Thema der Pädagogin und Gewerkschafterin Eva-Maria Volland und der Autorin Adelheid Schmidt-Thomé. Ihr erst vor Kurzem erschienene Buch "Sozial bis Radikal - Politische Münchnerinnen im Porträt" ist auf enormes Interesse gestoßen. Volland befasst sich ebenfalls seit vielen Jahren mit "Frauenleben und Frauenbewegung in München".

Leonhard M. Seidl und Wolfgang Paul werden zwischendrin Lieder von so bekannten Dichtern wie Erich Mühsam, Bert Brecht und Kurt Tucholsky spielen und singen. Seidl, der selbst ein profunder Kenner der bayerischen Revolution ist und sie in seinem Roman "Novemberlicht" verarbeitet hat, hat auch Gedichte von weniger bekannten Autoren ausgegraben und vertont, wie "Das Hungerlied" von Georg Weerth oder "Wer zettelt denn immer die Kriege an?" des Bergmanns und Arbeiterdichters Johannes Leschinsky.

Die Vorträge im zweiten Teil des Abends sind ganz der lokalen Geschichte gewidmet. Der Grafinger Günter Baumgartner hat die Revolution in allen Teilen Bayern erforscht und wird detailliert berichten, was sich in der Stadt Dorfen alles ereignet hat. Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist eine Lesung aus einem Originaltagebuch. Rudolph Schollenbruch, Politiker und Arzt der Roten Armee in München, zeichnete unter anderem auf, was er auf seiner Flucht über Wartenberg und Erding aus Wirtshausgesprächen über die gescheiterte Revolution aufschnappte. Im Abschlussvortrag des Abends wird sich dann Schorsch Wiesmaier mit Georg Escherich befassen. Der Isener Forstrat war - was noch viel zu wenig bekannt ist - ein führender Reaktionär in Deutschland, der als Gründer der Einwohnerwehren eine wichtige Rolle bei der Zerschlagung der Räterepublik spielte.

Revolution in Bayern! Und in Dorfen?, Mi., 14. Nov., 19.30 Uhr, Jakobmayer, Unterer Markt 34

© SZ vom 13.11.2018
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