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Gastronomie in Erding:Ausgezapft

Das Geschäft an der Sauschütt hängt stark von der Witterung ab, dennoch hat sich der Absatz dort zuletzt verbessert. Ende 2019 hören die Wirte auf.

(Foto: Christian Endt)

Der Forstbetrieb bestätigt die Gerüchte: Wie Sankt Hubertus verliert auch die Gaststätte Sauschütt ihre Wirtsleute. Nachfolger sind nicht in Sicht, damit stehen die beiden großen Waldbiergärten im Ebersberger Forst vor dem Aus

Vor zwei Wochen schon war zwischen den Tischen der Waldgaststätte Sauschütt zu vernehmen, dass die Wirte den Betrieb bald einstellen wollen. Nun haben sich die Hinweise bestätigt. Die Bayerischen Staatsforsten, Grund- und Hauseigentümer der Sauschütt, haben erklärt, dass die Wirtsleute den Betrieb der Gaststätte und des Biergartens nahe Hohenlinden "zum Jahresende aufgeben". Forstbetriebsleiter Heinz Utschig erklärte am Freitag: "Es gibt dort noch eine Silvesterparty, dann ist es leider vorbei." Nachdem vor zwei Wochen der Wirt der Gaststätte Sankt Hubertus seinen Abschied angekündigt hat, steht damit auch der zweite große Biergarten im Ebersberger Forst vor dem Aus.

Adi Warta, der Wirt von Sankt Hubertus, hört spätestens Ende 2020 auf. Nicole Haas, Wirtin der Sauschütt, in gut drei Monaten. Die Frage ist: warum? Die Betreiber der Sauschütt sind am Montag nicht für ein Gespräch zu erreichen, Antworten gibt Gregor Schlederer von der Brauerei Wildbräu, dem Zwischenpächter. Es gebe allerlei Gründe, Hauptgrund seien wohl personelle Engpässe gewesen, so Schlederer am Montag. Adi Warta, seit 2009 Chef im Forsthaus Sankt Hubertus, hat sich hierzu bereits detaillierter geäußert. Er begründet seinen Rückzug mit dem steigenden Druck durch Gesetzesänderungen, die seinem Betrieb über die Jahre immer mehr zugesetzt hätten.

Hier könnte auch in der Sauschütt der Hund begraben liegen, weil sich die Gastronomien ähneln: ein Forsthaus im Wald, ein großer Biergarten und ein Spielplatz für Kinder. Dadurch sind beide stark auf sonnige Wochenenden, Feier- und Ferientage angewiesen - und zwar mehr als Lokale im Ort. Weil bei Regen zwar die Wirtschaft um die Ecke in Frage kommt, nicht aber eine Radltour in den Forst. Wenn dann am Sonntag doch die Sonne rauskommt, braucht es oft sehr spontan sehr viel Personal. Doch woher nehmen? Mit den verschärften Regeln für Arbeitszeiten von Kellnern hat sich die Situation in Sankt Hubertus zugespitzt. Idee dahinter ist, den Arbeitnehmer zu schützen. Für Adi Warta war es jedoch wie der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Deswegen soll der Zapfhahn bald gar nicht mehr laufen.

Nachfolger sind derzeit nicht in Sicht, die Suche läuft. In Hubertus ist noch Zeit, an der Sauschütt jedoch rinnt die Zeit davon. Umso mehr gehen der Forstbetrieb und die Brauerei Wildbräu in die Offensive: Wie von Forstamtsleiter Utschig zu erfahren ist, lässt seine Behörde den Spielplatz erneuern, der künftig "in den Walderlebnispark integriert" werden soll - die Ausschreibung für die Arbeiten laufe bereits. "Wenn im Frühjahr die Biergartensaison losgeht, steht da ein schöner neuer Spielplatz", so Utschig. Zudem werde der Forst die Sanierung der Toiletten übernehmen, Wildbräu finanziert die Erneuerung der Fassade. Brauerei-Chef Schlederer erklärt, dass sich "der Absatz in der Sauschütt jedes Jahr verbessert" habe. Entgegen dem allgemeinen Trend.

Seit den 50er Jahren wird in der Sauschütt ohne Unterbrechung Gastronomie betrieben, anfangs nur eine Wirtsstube, seit den 80ern ein Gasthaus samt Biergarten. Und dem Forstbetrieb ist wichtig, dass es weitergeht. Der Wald soll für den Mensch attraktiv bleiben. "Wirtschaften sind dafür mit entscheidend", erklärt Utschig.

Einer, der von Beginn an mit dabei war, ist der 66 Jahre alte Rudolf Schierl. Seine Eltern übernahmen die Sauschütt im Jahr 1956, Schierl war damals vier Jahre alt. "Es gab eine Wohnküche, ein Damenklo und ein Pissoir", erzählt er. Sein Vater Rudolf Schierl senior, heute 97, übernahm mit dem Einzug in die Sauschütt den Posten des dortigen Revierforstwarts. "Im Vertrag stand drin, dass die Frau vom Förster die Gaststätte betreibt", sagt er. Und zwar ohne die Mithilfe des Gatten, "weil der sich auf sein Revier konzentrieren sollte". Schierl erinnert sich, wie aus einem kleinen Forsthaus "fast ein Massenbetrieb" wurde. Anfangs kamen die Menschen praktisch nur mit dem Fahrrad zur Sauschütt. Mit dem Autoboom in den Sechzigerjahren entdeckten dann die Wirtshausfreunde aus der Landeshauptstadt den Waldbiergarten im Ebersberger Forst für sich. Der Brunnen wurde so irgendwann durch eine Wasserleitung ersetzt, und der Sohn Rudolf Schierl junior musste als Schankkellner mithelfen.

Personal war schon damals ein Thema. Es konnte gut vorkommen, dass ein Kellner in der Früh anfing und bis Mitternacht durchgearbeitet hat, erzählt Schierl. "Das hat damals niemand kontrolliert." Eines aber war auch vor 50 Jahren schon kompliziert: "Wenn es schön Wetter ist, musst du alles da haben", sagt Schierl. Nicht selten ist er dann nach Hohenlinden in die Ortschaft geradelt und hat noch 200 eingefrorene Semmeln geholt, oder 100 Bratwürste. "Wenn es dann doch geregnet hat, blieb man drauf sitzen."

Andere Dinge haben sich verändert. Buchführung war damals in der Kleingastronomie unbekannt - und die Wirtschaften hatten noch Wirte.