Fliegerhorst:Planung und Preisfindung

Neun Jahre nach der Entscheidung, den Bundeswehrstandort aufzulösen, wird die Nachnutzung detailliert geplant - und die Grundlage für den Kaufpreis gelegt

Von Florian Tempel, Erding

Der 26. Oktober 2011 war ein entscheidender Tag für Erding. Am Vormittag jenes Mittwochs wurde die Auflösung des Fliegerhorst bekanntgegeben, und wenige Stunden später verkündete der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) dann auch noch, dass sich die Staatsregierung auf den Bau eines neuen Erdinger Bahnhofs auf dem Militärgelände festgelegt hat. Die Diskussion, wie der S-Bahn-Ringschluss und die Walpertskirchener Spange durch die Stadt verlaufen sollten, war damit endgültig beendet - und die Zukunft der Stadt, sich im Nordosten auf sehr großen Flächen und voller neuer Möglichkeiten weiterzuentwickeln, war auf den Weg gebracht. Alles ging so schnell.

Neun Jahre später hat die Stadt die Erdinger Bürger nun aufgerufen, in einem Online-Bürgerdialog ihre Ideen und Vorstellungen für die zivile Entwicklung des Fliegerhorsts einzubringen. Ein städtebaulicher Wettbewerb, den die Stadt gerade vorbereitet, soll einen etwa 190 Hektar großen südlichen Teil des Fliegerhorsts beplanen, mit einem 28,5 Hektar großen Kernbereich, in dem das "Thema Wohnen" die zentrale Rolle spielen werde, heißt es aus dem Rathaus. Das zwölf Hektar große Gebiet des neuen Bahnhofs, für das es schon einen eigenen Bebauungsplan gibt, gehört nicht dazu. Der städtebauliche Wettbewerb ist aber nicht nur ein Planungsinstrument, das vorbildlich mit Bürgerbeteiligung beginnt. Er ist auch das seit Jahren erwartete Nutzungskonzept, das für den Kaufpreis des Areals von entscheidender Bedeutung ist.

Das Fliegerhorstgelände ist die größte zusammenhängende Konversionsfläche in Bayern und eine der größten in ganz Deutschland. 435 Hektar sind ein riesiges Gebiet. Seit 2012 verwaltet die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) das Gelände und soll den Eigentumsübergang korrekt und pünktlich bis zum Abzug der Bundeswehr regeln.

Die Stadt Erding möchte nicht nur planen dürfen, wie es später dort aussehen soll, sondern möglichst alles kaufen, was sie kriegen kann. Das hat Oberbürgermeister Max Gotz (CSU) seit neun Jahren immer wieder klar gemacht. Aber, und das ist kein kleines Problem, die Stadt muss sich das auch leisten können. Normaler Baugrund in Erding kostet mittlerweile mehr als 1000 Euro pro Quadratmeter. Da könnte man mit dem Rechnen gleich wieder aufhören. Bei solchen Preisen ist man ganz schnell bei dreistelligen Millionenbeträgen. Es wären "gigantische Summen" und der Fliegerhorst für die Stadt unerschwinglich, klagte Gotz jahrelang. Auch deshalb zögerte er, die Planung detaillierter voranzutreiben, über die schon 2012 gemachte, recht grobe Entwicklungsstudie hinaus.

Vorbereitungen und Verhandlungen fanden bislang vor allem im Hintergrund statt

Seit der Ankündigung der Auflösung des Fliegerhorstes hat sich nach außen hin wenig Sichtbares getan - natürlich bis auf den Aufbau des Warteraums Asyl im hinteren Teil, doch das ist eine ganz andere Geschichte. Der Abzug der Bundeswehr war zunächst für 2019 erwartet worden, wurde aber mehrmals verschoben und ist aktuell auf Ende 2024 gelegt. Die benötigten Flächen für den neuen Erdinger Bahnhof müssen 2023 vorab freigegeben werden. Kasernen und Verwaltungsgebäude, Hangars und Hallen, Bunker und Lagerräume stehen wie eh und je locker verteilt auf dem weiträumigen Gelände. Am Fliegerhorst Erding ist es wunderbar grün, nicht nur links und rechts der 2,5 Kilometer langen Startbahn. Auch in den bebauten Abschnitten gibt es viele schöne alte Bäume und Wiesen. Dass manche Gebäude verfallen, stört den verschlafenen Charme des Areals nicht.

Die Planungen, Verhandlungen und Vorbereitungen liefen bislang vor allem im Hintergrund. "Von allergrößter Bedeutung für die Bundesanstalt ist der stetige Dialog mit den von der Konversion betroffenen Kommunen", schreibt etwa Monika Maucher, die Verkaufsleiterin der Bima in Bayern, im Vorwort der aktuellen Bima-Verkaufsbroschüre. Der Erdinger Fliegerhorst findet sich in diesem Prospekt freilich gar nicht. Denn "die Bima bietet alle Konversionsliegenschaften zunächst den regional zuständigen Gebietskörperschaften" an. Die Stadt Erding, die Gemeinde Bockhorn, auf deren Gebiet der östlichste Teil liegt, und auch der Landkreis Erding als "regionale Gebietskörperschaft" haben ein Erstzugriffsrecht. Aber was bringt das, wenn man sich den Fliegerhorst letztlich nicht leisten kann?

Oberbürgermeister Gotz hat aus diesem Grund lange gefordert, der Bund solle der Stadt das Areal zu einem Freundschaftspreis überlassen. Man könne ja vertraglich mit Nachbesserungsklauseln vereinbaren, dass der Bund spätere Gewinne der Weitervermarktung entsprechend später überwiesen bekomme. Doch so, wie sich das Gotz jahrelang gewünscht hat, läuft es nicht.

"Wir gehen davon aus, dass OB Gotz von der Variante, zu landwirtschaftlichen Grundstückspreisen kaufen zu können, abgekommen ist", sagt Hans-Peter Fehr vom Münchner Bima-Büro. Das Erstzugriffsrecht und die Wertermittlung seien vom Gesetzgeber nun mal "anders definiert". Nur auf der Basis eines Nutzungskonzepts werde der Preis nach den offiziellen Verkehrswerten ermittelt. Wobei es durchaus Abschläge und Vergünstigungen gebe, aktuell zum Beispiel 25 000 Euro für jede Wohneinheit im sozialen Wohnungsbau. Das könne Millionen ausmachen, sagt Fehr. Und es gebe auch Nachbesserungsklauseln. Da die Bebauung großer Flächen fast immer viele Jahre dauert - in Erding rechnet man mit einer Entwicklung über 15 bis 20 Jahre -, behalte sich der Bund eine Beteiligung bei Preissteigerungen vor. Doch das interessiert erst ganz wann anders - vielleicht, wenn wieder neun Jahre vergangen sind, oder noch später.

© SZ vom 05.12.2020
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