Fliegerhorst:Alles muss raus

Lesezeit: 3 min

Der Warteraum Asyl wird seit Jahren nicht mehr gebraucht. Die Verein Flüchtlingshilfe hat hingegen alle Hände voll zu tun. Dennoch gilt für beide gleichermaßen der Räumungsbefehl. Die Erdinger Ehrenamtlichen stehen vor dem Aus

Von Florian Tempel, Erding

Fliegerhorst: Der Warteraum Asyl mit 3000 Schlafplätzen in Alten Hangars und zeltartigen Leichtbauhallen hat ausgedient.

Der Warteraum Asyl mit 3000 Schlafplätzen in Alten Hangars und zeltartigen Leichtbauhallen hat ausgedient.

(Foto: Renate Schmidt)

Es ist schon lange her, dass Flüchtlinge im Warteraum Asyl am Erdinger Fliegerhorst waren. Seit Jahren ist das ehemalige Durchgangslager auf einen Stand-by-Modus runter gedimmt. Binnen 48 Stunden, so die Vorgabe, muss es wieder einsatzbereit zu sein. Die Heizlüfter laufen, wenn es kalt wird, und die Wasserleitungen müssen regelmäßig gespült werden. Doch echte Betriebsamkeit herrschte hier zuletzt zu Beginn der Pandemie. Ende März 2020 wurde in zwei der zeltartigen Leichtbauhallen ein notdürftiges Behelfskrankenhaus eingerichtet - das dann freilich auch nicht gebraucht wurde.

Nur einen Kilometer entfernt auf dem Fliegerhorstgelände hat der Verein Flüchtlingshilfe Erding alle Hände voll zu tun. Erst in der vergangenen Woche kam eine Großlieferung mit mehr als 50 000 Wintermützen und warmen Socken, die in den beiden Lagerräumen von freiwilligen Helfern für die Weiterverteilung an drei Dutzend andere Hilfsorganisationen fertig gemacht werden. Am Samstag wurden Kleider- und Schuhspenden von Privatleuten angenommen, draußen am Fliegerhorst-Haupteingang. Alles wird in den Lagerhallen mit System gesichtet und in Kartons sortiert. An diesem Dienstag kommt ein Lastwagen voll Kuscheltiere, und die Malteser bringen zwei Paletten mit Desinfektionsmittel, die an eine Krankenhaus in Gambia weiterleitet werden. Die Arbeit geht nicht aus, sagt Pressesprecher Stefan Lanio. Doch egal, ob richtig viel los ist oder nur Dornröschenschlaf gehalten wird: Am Jahresende ist für den Warteraum Asyl und für die Flüchtlingshilfe Erding gleichermaßen Schluss. Das amtliche Durchgangscamp wird aufgelöst, und auch die Ehrenamtlichen müssen zusammenpacken. "Am 1. Januar 2022 beginnt der Abbau", sagt der Kasernenkommandant.

Der Fliegerhorst wird stillgelegt, alle Leitung werden gekappt, in den kommenden drei Jahren. Man brauche die Zeit bis zum Verkauf des Geländes, auf dem ein neuer ziviler Stadtteil entstehen wird, sagt der Kasernenkommandant. Alle müssen raus, es gehe nicht anders. Na ja, eine Ausnahme gibt es. Der Fliegerclub Erding darf mit seinen Flugzeugen noch etwas bleiben, weil er bei der Waldbrand-Luftbeobachtung wichtige Arbeit leistet. Doch auch die Flieger werden bald ohne Strom und Wasser auskommen müssen.

Fluechtlingshilfe Erding auf dem Fliegerhorstgelaende

Einer der beiden Lagerräume der Flüchtlingshilfe Erding in einer Fahrzeughalle am Fliegerhorst.

(Foto: Stephan Görlich)

Der Warteraum Asyl verfügt über circa 3000 Schlafplätze in alten Flugzeugunterständen und einem Dutzend relativ neuer Leichtbauhallen. Nachdem das Camp im Herbst 2015 errichtet worden war, durchliefen es bis Frühjahr 2016 fast 100 000 Flüchtlinge. Bei einem sogenannten Relocation-Programm kamen später noch mal 11 500 ausgesuchte Flüchtlinge, die aus Italien und Griechenland eingeflogen und vom Rollfeld des Münchner Flughafens direkt in den Warteraum Asyl gebracht wurden, um hier offiziell deutschen Boden zu betreten. Vom Herbst 2018 an wurde das Camp in kleinerem Umfang für Familienzusammenführungen genutzt.

Die Flüchtlingshilfe Erding gab es hier schon vor dem Warteraum Asyl. Los ging es im Frühjahr 2015, als die Turnhalle der Erdinger Berufsschule zum Notquartier für Geflüchtete wurde. Die Bundeswehr stellte damals spontan die beiden bis heute genutzten Hallen zur Verfügung. Als der Warteraum Asyl eingerichtet wurde, versorgte die Flüchtlingshilfe in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz mehr als 100 000 Geflüchtete mit warmer Kleidung und dem Allernötigsten. 2016 öffnete man das Angebot für andere Bedürftige, richtete einen sozialen Kleiderladen ein, unterstützt seitdem die örtlichen Tafeln und kooperiert deutschlandweit und international mit anderen Hilfsorganisationen.

Seit Monaten sucht die Flüchtlingshilfe Erding eine neue Bleibe, bislang ohne Erfolg. "Es gibt keinen geeigneten Leerstand in Erding", sagt die Vereinsvorsitzende Sabrina Tarantik. Der Verein braucht 500 bis 600 Quadratmeter beheizbarer Lagerfläche. "Nicht damit es die Helfer schön warm haben, sondern damit die Kleidung nicht schimmelt." Das Ganze müsste zudem preisgünstig sein. "Bei 5000 Euro im Monat" sagt Pressesprecher Lanio, "würde man sich schon fragen, ob das noch in Relation dazu steht, gebrauchte Klamotten zu sortieren." Fast ein Dutzend Abgeordnete und Bürgermeister haben die Flüchtlingshilfe in den vergangenen Monaten besucht und Unterstützung versprochen. Doch noch hat sich nichts getan. "Es gibt keine Alternative bis jetzt", sagt Sabrina Tarantik. "Und es ist schon so: Kein neues Lager bedeutet das Ende der Flüchtlingshilfe Erding."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB