Indoor-Skifahren:Gas geben auf Eis

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Indoor-Skifahren: Christiane Santen nach ihrem Sieg.

Christiane Santen nach ihrem Sieg.

(Foto: privat)

Ski-Fahrerin Christiane Santen vom SC Auerbach gewinnt ein Weltcup-Rennen auf ungeliebter Indoor-Piste. Nach einem schweren Verkehrsunfall im November 2021 hat sich die 52-Jährige damit zurück auf die Piste gekämpft - auch ein Sieg.

Von Matthias Vogel

Christiane Santen, Rennläuferin des SC Auerbach im Landkreis Erding, hat in Wittenberg ein Weltcup-Rennen gewonnen. Von allen Frauen der Masters-Serie sauste sie am schnellsten durch den vereisten Indoor-Parcours. Keine Selbstverständlichkeit, denn die 52-jährige Wartenbergerin bevorzugt weicheren Belag unter ihren Skiern. Es ist dem Klimawandel geschuldet, dass drei bis vier Rennen der jährlichen Masters-Serie unter dem Hallendach ausgetragen werden müssen - es fällt immer weniger Schnee.

Die Fahrerinnen und Fahrer müssen sich dann stets auf extrem vereiste Pisten einstellen, wenn sie im norwegischen Oslo, Amneville in Frankreich oder eben im Alpincenter Hamburg-Wittenburg bei Schwerin an den Start gehen. Mit dem harten und rutschigen Untergrund hatte Christiane Santen vor vier Jahren schlechte Erfahrungen gemacht. "Da bin ich schon am zweiten Tor einfach rausgerutscht. Danach hatte ich mir vorgenommen, nie wieder auf Eis zu fahren", erzählt das Slalom-Spezialistin vom SC Auerbach.

"Das war wie eine offene Rechnung"

So richtig hat sie sich mit dieser Entscheidung aber nicht abgefunden. "Das war wie eine offene Rechnung", sagt Santen. Also hat sie sich vor dieser Saison - Ende August, Anfang September - ein professionell angeleitetes Trainingslager gegönnt, genau in der Wittenburger Halle. Dort wird die Piste bewusst vereist. "Um beste Voraussetzungen für unsere Nationalmannschaften zu schaffen, die sich da ebenfalls auf ihre Weltcup-Rennen vorbereiten", erklärt sie. Sie selber habe einfach unbedingt das Fahren auf Eis lernen wollen.

Der Effekt war zunächst ernüchternd. Am ersten Tag des Rennwochenendes Anfang November an gleicher Stelle rutschte sie mehr schlecht als recht durch den Parcours am Ende des ersten Tages stand Platz 7 in der Gesamtwertung zu Buche. Am Abend hielt das "Schwarzwaldmädl" dann ihre Ski einem "hessischen Kollegen" unter die Nase mit der Frage, ob die Kanten denn überhaupt scharf genug wären. Der gute Mann machte sich ans Kanten-Tuning - mit bahnbrechender Wirkung. Am zweiten Tor des ersten Laufs am nächsten Tag rutschte Santen nicht raus, kam sich mit den nun griffigen Latten unter den Füßen stattdessen vor "wie eine Rakete". "Ich habe mir gedacht: Jetzt gibst du Gas!".

Bestzeit in den Durchgängen eins und zwei

Mit jeweils deutlichem Vorsprung sicherte sie sich die Bestzeit in den Durchgängen eins und zwei. Im dritten Lauf - der Parcours entspricht bezüglich seiner Länge nicht der FIS-Norm - ergriff Santen dann die Angst vor der eigenen Courage. "Ich war aufgeregt und dazu hatte ich zuvor eine Feststellschraube an meinem Skischuh verloren", sagt sie. Irgendwie brachte sie den letzten Lauf noch hinunter, der Vorsprung aus den beiden ersten Durchgängen reichte für den Weltcup-Sieg. Rechnung mit vereisten Pisten beglichen, satte 100 Punkte auf ihr Weltcup-Konto, doch nicht nur das: "Ich war die schnellste aller Altersklassen der Masters", sagt Santen. Das erfüllt sie zu Recht mit Stolz, schließlich waren die jüngsten Fahrerinnen um die 20 Jahre jünger als sie.

Nach dem Erfolg bummelte Christiane Santen über den Wartenberger Nikolausmarkt. An einem Stand rief ihr eine Frau zu: "Das mit Skifahren, das machst du doch schon professionell." Dem ist natürlich nicht so, auch wenn der Aufwand groß ist. Ein Sponsor decke sie mit Ski-Bekleidung ein. Ansonsten trügen ihr Mann und sie die Kosten. Der Lohn für den "Kanten-Tuner" betrug lediglich zwei Bier, aber Reisen, Unterkunft und Liftkarten sind kostspielig, deshalb ist es für Santen auch schwer, die große Glaskugel für die Beste des Gesamt-Weltcups zu gewinnen. "Einige Rennen werden in den USA ausgetragen, das kann ich mir einfach nicht leisten." Auch den Saisonauftakt in Argentinien im September hatte sie aus diesem Grund ausgelassen.

Gerne wäre sie als Teenager Profi geworden

Christiane Santen lebt ihren Traum - in der Light-Version sozusagen. Gerne wäre sie als Teenager Profi geworden. "Meine Eltern haben aber sehr viel Wert auf meine Lehre gelegt und meine Ausbilderin auf meine Anwesenheit." Als sie fertig war, war Santen 18 Jahre alt. "Da ist dann der Zug schon abgefahren, wenn du nicht die Kader des DSV durchlaufen hast." Der Masters-Ski-Zirkus macht sie aber ebenfalls glücklich. Hier schnuppert sie Wettkampfluft. 2020 hat sie in der Weltcup-Gesamtwertung den dritten Platz belegt, seither ziert zumindest die kleine Glaskugel ihren Trophäenschrank. Nach einem schweren Verkehrsunfall im November 2021 hat sie sich zurück auf die Piste gekämpft - auch ein Sieg.

Jetzt geht es für sie Schlag auf Schlag. Bis zum Saisonfinale im April in Meribel in den französischen Alpen findet jedes Wochenende ein Rennen statt - in der Schweiz, Slovenien oder Tschechien etwa. Dazwischen steigt die Weltmeisterschaft im österreichischen Göstling. Christiane Santen will punkten und vereiste Pisten hindern sie jedenfalls nicht mehr daran.

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