Erding Erding braucht ein zweites Frauenhaus

20 Jahre nach der Gründung steht die soziale Einrichtung vor neuen Aufgaben

Von Charlotte Theile

Ein Gürtel mit der Aufschrift "Eine Tracht Prügel hat noch keiner geschadet" hängt in der Lobby des Cineplex, daneben ein Ehering mit Gravur: "Misshandelt seit dem 2.3.1998". Darum herum stehen etwa hundert Frauen und zehn Männer, festlich gekleidet, Sektgläser und Knabbereien in der Hand. Aktive Frauen, Politiker und Unterstützer aus der Wirtschaft haben sich am Donnerstag im Lichtspielberg versammelt. Zwanzig Jahre Erdinger Frauenhaus - ein Grund zum Feiern, der nachdenklich stimmt. Im Hintergrund berichten Tafeln von den Fällen der letzten Jahre - Vergewaltigung, ausgeschlagene Zähne, Bisswunden. Schweigend stehen die Besucher davor.

Nicht immer gibt es im Frauenhaus freie Plätze. ´Wir mussten schon Frauen absagen, und das darf nicht sein´, sagt die Leiterin Adelheid Rupp. 

(Foto: Marco Einfeldt)

Es ist schlimm, dass wir es brauchen und gut, dass wir es haben", fasst Gertrud Becker den Balanceakt der Feier zusammen. Die 77-Jährige gehört zu den ersten Unterstützerinnen. 15 Jahre lang hat sie in Nachtschichten dafür gesorgt, dass immer jemand erreichbar war, wenn Frauen die Rufnummer des Hauses wählten. Noch heute sind die zweiundzwanzig Ehrenamtlichen das Rückgrat der Einrichtung. Sie kommen auch sonntags und feiertags, backen Kuchen, gehen spazieren und haben ein offenes Ohr für die Bewohnerinnen. Die Unterstützerinnen decken all das ab, was die eineinhalb festen Stellen nicht leisten können, was aber doch dringend benötigt wird. In der Festveranstaltung lobt Vorstandsfrau Leopoldine Grupp das Engagement.

Angela Rupp, die Leiterin des Erdinger Frauenhauses, sieht aber auch die Politik in der Pflicht. Seit Monaten sind die fünf Zimmer des Hauses belegt, seiner eigentlichen Aufgabe, stets Plätze bereit zu halten, kann das Haus im Moment nicht nachkommen. "Wir mussten schon Frauen absagen und das darf nicht sein", bringt Rupp das Problem auf den Punkt.

Dieser Forderung konnte sich der Erdinger Bürgermeister Max Gotz (CSU) nicht verschließen. Das Wachstum in der Region schaffe weiteren Bedarf an Plätzen im Frauenhaus, räumte der Politiker in seiner Festrede ein. Etwa 1000 neue Einwohner verzeichne der Landkreis jährlich. "Da sind viele Familien dabei, die hier keine Wurzeln haben und begleitet werden müssen", glaubt Gotz. Diese Entwicklung müsse das Frauenhaus "wachsend begleiten". Zudem unterstrich er die Bedeutung des Ehrenamtes und dankte den Frauen für "Mut und langen Atem", den sie mit dem Frauenhaus unter Beweis gestellt hätten.

Wie wenig selbstverständlich die politische Unterstützung in der Anfangszeit war, hob Leiterin Rupp hervor. Gewalt in der Ehe sei zu Zeiten der Gründung noch Privatsache gewesen, erst nach und nach habe sich die Überzeugung durchgesetzt, dass die Öffentlichkeit hier einschreiten müsse. Mit dem Gewaltschutzgesetz wurde diese Überzeugung 2002 gesetzlich verankert, seither gilt der einfache Grundsatz: "Wer schlägt, der geht".

Auch vor Ort konnten die Frauen einen Erfolg verbuchen: 2007 wurde eine Interventionsstelle gegründet, die Frauen ambulant berät und gut besucht wird. Doch dabei dürfe es nicht bleiben, so Rupp. Sie forderte eine Notrufnummer für Opfer sexueller Gewalt, die außerhalb von Beziehungen stattfindet. Darüber hinaus müsse etwas für die Täter getan werden. "Gewaltbereite Männer suchen Hilfe, doch im Landkreis Erding finden sie nichts", beklagte sie die Lage der Familien, die sie betreut.

Allen Erfolgen und allem gesellschaftlichen Wandel zum Trotz, eines hat sich nicht geändert: "Jede vierte Frau wird im Laufe ihres Lebens Opfer sexueller oder körperlicher Gewalt." Vor diesem Hintergrund sei das Frauenhaus in der Pflicht, die Arbeit fortzusetzen. Auch während der Feier übernahm eine Helferin von zu Hause aus den Telefondienst.