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Erding/Cham:Der Tod ist plötzlich wieder ganz nah

Vier junge Afghanen, die in Erding heimisch geworden sind, sind bei einem Unfall ums Leben gekommen

Von Antonia Steiger, Erding/Cham

Vier junge in Afghanistan geborene Männer sind vor einer Woche bei einem schweren Verkehrsunfall im Landkreis Straubing-Bogen ums Leben gekommen. Am Montag wurden sie in Erding beerdigt, denn sie haben in Erding gewohnt. Sie waren als Flüchtlinge anerkannt und hatten sich bestens integriert. "Man musste sich um sie eigentlich nicht mehr kümmern", sagte Doris Kraeker sagt, Mitglied des Vorstandes der Aktionsgruppe Asyl (AGA). "Es war so, wie es sein sollte: Man grüßt sich und fragt sich, wie es geht." Einer der vier jungen Männer war einem weitaus größeren Personenkreis gut bekannt: Seit fünf Jahren arbeitete er als Barkeeper in der Brasserie Dostojewski mitten in Erding.

Die vier jungen Männer im Alter von 20, 24, 25 und 26 Jahren, zwei Brüder und zwei Cousins, waren am vergangenen Montag, 10. August, auf der Rückreise vermutlich nach einem Ausflug nach Tschechien, wie Kraeker sagte. Gegen 1.30 Uhr ereignete sich der Unfall auf der Bundesstraße 20 im Gemeindebereich Ascha. Wie es im Polizeibericht heißt, waren die vier in einem Kleinwagen von Cham in Richtung Straubing unterwegs. In der Gemeinde Ascha wollte der Fahrer des Kleinwagens einen in gleicher Richtung fahrenden Sattelzug überholen, wie es im Bericht des Polizeipräsidiums Niederbayern heißt. Wegen eines entgegenkommenden Kleintransporters habe er den Überholvorgang abbrechen und wieder hinter dem Sattelzug einscheren wollen. Dabei sei es zu einer Berührung zwischen dem Wagen und dem Sattelauflieger gekommen. Durch diesen Kontakt geriet der Kleinwagen mit den vier Insassen vermutlich ins Schleudern. Der entgegenkommender Kleintransporter konnte nicht mehr anhalten und stieß gegen die Beifahrerseite des Wagens.

Drei Unfallbeteiligte starben trotz der eingeleiteten Reanimationsmaßnahmen noch an der Unfallstelle. Der vierte wurde in ein Krankenhaus gebracht, starb aber noch in derselben Nacht. Der 59-jährige Fahrer des Kleintransporters wurde bei dem Unfall leicht verletzt, er kam in ein Krankenhaus. Der 22-jährige Fahrer des Sattelzuges blieb unverletzt. Die Bundesstraße war die ganze Nacht gesperrt. Das Entsetzen unter vielen Flüchtlingen und anerkannten Flüchtlingen ist nach dem schrecklichen Unfall groß gewesen, sagte Kraeker, "auch bei denen, die die Opfer nicht so gut gekannt haben". Denn für viele sei es nach langer Zeit wieder "die erste Begegnung mit dem Tod" gewesen. Die Männer hätten wie auch viele andere Flüchtlinge so viel überstanden. Dass man auch in ihrer neuen Heimat "so schnell sterben" könne, sei für einige nicht zu fassen.

Wie es in dem Polizeibericht heißt, wurde auf Anordnung der Staatsanwaltschaft zur Klärung der Ursache und des Hergangs ein Gutachten in Auftrag gegeben. Das sei noch in Arbeit, sagte am Montag auf Nachfrage Johann Lankes vom Polizeipräsidium Niederbayern. Bislang gebe es keine neuen Erkenntnisse. Es sei ein besonders tragischer Unfall, sagte Lankes, weil alle vier Männer verstorben seien. Am Unfallort waren drei Notärzte mit sechs Rettungswagen und einem Rettungshubschrauber im Einsatz.

Die vier haben laut Kraeker in Erding gewohnt, sie hatten Wohnungen gefunden und konnten die Flüchtlingsunterkünfte verlassen. In den Jahren 2015 und 2016 seien sie nach Erding gekommen. Sie sind in die Schule gegangen und haben Ausbildungen gemacht." Die Männer hätten keine Hilfe mehr benötigt, auch Behördengänge haben sie alleine und selbständig erledigt. Einer der Männer hinterlässt eine Frau, ebenfalls eine Geflüchtete, die in Österreich lebt, und zwei Kinder. Andere Geflüchtete haben sich laut Kraeker schon am Freitag in Erding getroffen und damit begonnen, Geld zu sammeln. Unter anderem mussten 6000 Euro für die Überführung nach Erding aufgebracht werden, wie Kraeker sagt. Die junge Familie soll unterstützt werden, auch die Arbeitsgruppe Asyl hat dazu Geld gegeben.

Doris Kraeker sagt, sie kenne die Strecke gut, sie kommt selbst aus Straubing und sei diese Strecke oft gefahren. Auf der Straße seien viele Unfälle passiert, bis sie zum Teil dreispurig ausgebaut worden sei. Auf genau diesem Streckenabschnitt, wo der Unfall passiert sei, sei die Straße aber nur zweispurig gewesen. Es sei tragisch, sagt sie. "Sie haben es geschafft, und dann kann es so schnell vorbei sein."

© SZ vom 18.08.2020

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