Erding:"Balsam auf die Seele"

Die Talfahrt der SPD bei Wahlen ist zu Ende gegangen. Mit neuem Schwung blicken die Sozialdemokraten in die Zukunft

Von Florian Tempel, Erding

Optimismus ist eine Eigenschaft, die den meisten Mitgliedern der SPD gemeinsam ist. Dass die Zukunft besser werde muss, gehört gewissermaßen zur sozialdemokratischen DNA. In der jüngeren Vergangenheit brauchten SPD-Mitglieder am Tag nach einer Wahl ihren Optimismus vor allem in eigener Sache und für die Hoffnung, dass nächstes Mal die Prozente wieder raufgehen würden. Diesmal ist es anders. Sie dürfen sich richtig freuen und wirklich guter Stimmung sein.

"Emotional ist das für mich so was von motivierend", sagt Gertrud Eichinger. Als Vorsitzende im Bundeswahlkreisvorstand hat sie maßgeblich den Wahlkampf ihrer Partei in den Landkreisen Erding und Ebersberg koordiniert. Die Stimmung war schon seit Wochen stetig besser geworden. Der Umschwung zugunsten der SPD wurde nicht nur in den Umfragewerte deutlich, sondern auch an den Wahlkampf-Infoständen spürbar. "Da war viel Zuspruch für uns und unsere Themen", sagt Eichinger. In früheren Wahlkämpfen sei es oft "mühsam gewesen, die wenigen Sympathisanten herauszufiltern".

Dasselbe hat auch der Erdinger Kreisvorsitzende Martin Kern aus Buch am Buchrain festgestellt. "Die Leute waren interessierter und offener, früher gab es auch mal Pöbeleien am Infostand." Kern ist in seiner Freude über den Wahlausgang allerdings zurückhaltend. Das Ergebnis der SPD im Landkreis Erding sei "nur mittelprächtig" und in Berlin sei Olaf Scholz noch nicht sicher Bundeskanzler. Eines ist Kern aber in der Feinanalyse besonders positiv aufgefallen. Die 30-jährige Direktkandidatin Magdalena Wagner hat auf Anhieb so gut abgeschnitten wie vor vier Jahren der langjährige Bundestagsabgeordnete Ewald Schurer. "Das gibt schon Aufwind."

Der Erdinger Juso-Chef Leon Kozica ist noch etwas jünger als Wagner und erst seit fünf Jahren bei der SPD. Dennoch hat er bereits "das gesamte Portfolio an Wahlen" mitgemacht, "da war alles dabei". Die Bundestagswahl 2021 hat ihm freilich am besten gefallen. "Es war ein sehr schöner Wahlkampf und es ist ja alles sehr gut gelaufen", sagt Kozica. Er ist auch optimistisch, dass sich die SPD in der Gunst der jüngeren Wähler noch steigern kann, wenn man "Klimaschutz, Verkehrspolitik und Digitalisierung tragfähig und sozial gerecht" umsetze.

Der Dorfener Stadtrat Heiner-Müller Ermann, der schon zehnmal so lange bei der SPD ist wie Kozica, gibt zu, "dass die SPD das Klimathema lange Zeit nicht ernst genug genommen hat". Doch seine Partei habe dazugelernt und Klimaschutz "wird auch in der SPD das vorrangige Thema sein". Olaf Scholz sei als Kanzler einer künftigen Ampel-Koalition genau der Richtige. Bei der Ausarbeitung einer vernünftigen und guten Klimaschutzpolitik seien Verzicht, wie ihn die Grünen einfordern, und technologischer Fortschritt, auf den die FDP setzt, keine Gegensätze, sondern zwei Aspekte, die beide essenziell wichtig seien. Die SPD sei zudem "das Verbindungsglied", wenn klimapolitische Notwendigkeiten mit Bedürfnissen von Arbeitnehmern in Einklang gebracht werden müssen.

Horst Schmidt, Grandseigneur der Erdinger SPD, betont Magdalena Wagners Ergebnis. "Sie ist eine junge, kompetente Frau, die ihren Weg noch gehen wird." Schmidt ist sich sicher, dass sie in vier Jahren, mit einem besseren Listenplatz, es in den Bundestag schaffen werde. Auf lokaler Ebene ist Schmidt mit dem Abschneiden der SPD in der Stadt Erding besonders zufrieden. 17,8 Prozent seien ein "respektables Ergebnis". Beim Blick über die Landkreisgrenzen sei der Sonntag "grundsätzlich ein sehr freudiger Tag" gewesen, findet Schmidt. "Dreimal Sieger - im Bund und bei zwei Landtagswahlen - das ist Balsam auf die Seele."

Wortgleich sagt es Nicole Schley, Bürgermeisterin von Ottenhofen und Landesvorsitzende der AWO Bayern. "Ich freue mich natürlich, zumal wir als SPD eine ganze Reihe von Schlappen hinnehmen mussten." Der Aufschwung habe zwar "viel mit dem Kandidaten Olaf Scholz zu tun", räumt Schley ein, "doch gefühlt haben wir alle gekämpft wie noch nie". Magdalena Wagner sei eine "ganz tolle, ambitionierte Kandidatin" gewesen. Ähnlich wie Scholz habe Wagner gezeigt, "je mehr du an dich selber glaubst, um so mehr kann du auch andere mitnehmen". Schley ist "fest davon überzeugt", dass Scholz Bundeskanzler wird, "auch wenn die Koalitionsverhandlungen nicht leicht werden". Einige Punkte seien aber für die SPD nicht verhandelbar, sagt Schley. Zum Beispiel die von Scholz versprochenen zwölf Euro Mindestlohn, "die kann man nicht unter den Tisch fallen lassen". Dass Armin Laschet noch immer Ansprüche auf das Kanzleramt anmeldet, dafür hat Schley kein Verständnis: "Es muss ihm mal einer Bescheid sagen, dass er verloren hat."

© SZ vom 28.09.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB