Dorfen Weltkulturlenzn

Dorfener Faschingsbrauch für Aufnahme in Unesco-Sammlung angemeldet: "Das lebendige Erbe ist Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist"

Von Florian Tempel

Die Hemadlenzn entsprechen der Definition von " lebendigen Traditionen, die als kreative Neuschöpfung entstanden, dann von Generation zu Generation weitergegeben und fortgeführt werden

(Foto: Peter Bauersachs)

Der Hemadlenzn-Umzug, bei dem alljährlich am Unsinnigen Donnerstag Hunderte Narren aus Dorfen und sonstwo in Nachthemden und mit Schlafmützen lustig und durstig durch die Stadt ziehen und am Ende eine an einem Galgen aufgehängte Strohpuppe verbrennen, ist für die Aufnahme in die Sammlung des "immateriellen Weltkulturerbes" der Unesco angemeldet worden.

Zusammen mit 17 weiteren Brauchtums-Angelegenheiten aus dem Freistaat, wie der Landshuter Hochzeit und den Oberammergauer Passionsspielen, steht er auf einer im Kultusministerium erstellten Vorschlagsliste. Im April werden zwei der 18 bayerischen Bewerbungen an eine Expertenkomitee der Deutschen Unesco-Kommission weitergegeben, bei der Vorschläge aus allen deutschen Bundesländern eingehen. Der Hemadlenz-Umzug müsste eigentlich beste Aussichten haben, zum "immateriellen Weltkulturerbe" erklärt zu werden.

Denn ausweislich des Unesco-Arbeitspapiers "Das lebendige Kulturerbe kennen lernen und wertschätzen" erfüllt er alle gewünschten Kriterien geradezu perfekt. So heißt es im Arbeitspapier zu allererst: "Zu den Formen des immateriellen Kulturerbes gehören mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen" wie "gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste". Wann genau zum ersten Mal Hemadlenzn durch Dorfen zogen, ist nicht belegt.

Der Dorfener Heimatforscher Franz Streibl hat einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1923 als erste schriftliche Erwähnung des Spektakels ausgemacht. In diesem Bericht heißt es, dass es sich um einen alten Brauch handelt. Zudem gibt es eine Fotografie aus Dorfen, die auf die Zeit um die Wende zum 19. Jahrhundert datiert werden kann, die "eine Figur im Nachthemd" zeigt, sagt Streibl - das könnte und müsste doch wohl ein Dorfener Hemadlenz sein. Das Fehlen exakter historischer Belege aus den Frühzeit des Hemadlenzn-Treibens ist unbedingt positiv zu werten. Denn "gesucht sind lebendige Traditionen, die als kreative Neuschöpfung entstanden, dann von Generation zu Generation weitergegeben und fortgeführt werden".

Die Unesco interessiert sich eben nicht für erstarrte Rituale. Ganz im Gegenteil: "Das lebendige Erbe ist Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist. (. . .) Jede Generation entdeckt dabei für sich neu, was sie wichtig findet und wie sie diese vorgefundenen Formen auf ihre Weise fortführt." Auch das erfüllt der Hemadlenzn-Umzug. Streibl ist sich aufgrund seiner Nachforschung sicher, dass das Verbrennen der Hemadlenz-Strohpuppe erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt wurde.

Auch seien früher die Läden in der Stadt geöffnet gewesen, weil die Geschäftsinhaber mächtig gute Umsätze machten. Heutzutage ist das anders, die Dorfener Geschäfte haben fast alle geschlossen. Noch eine Änderung, die die Vitalität des Brauchtums beweist, ist, dass es einige Jahre ein Discozelt auf dem Unteren Markt gab, das mittlerweile aber wegen Alkoholexzessen wieder abgeschafft wurde.

Nicht alle, die den Hemadlenzn-Umzug kennen, lieben ihn. Franz Streibl mag ihn eher nicht. Er wird - dass ist für ihn eine persönliche Tradition - am Unsinnigen Donnerstag, mit seiner Frau aus Dorfen wegfahren. Nach München in die Hypo-Kunsthalle, wo er sich die spektakuläre Ausstellung "Pompeji - Leben auf dem Vulkan" ansehen will: 260 materielle Exponate aus der Unesco-Weltkulturerbestätte am Fuße des Vesuvs.