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Dorfen:Adieu Frösche und Kröten

An vielen Amphibienlaichgewässern herrscht heuer Stille, weil die Bestände massiv eingebrochen sind. Der Bund Naturschutz in Dorfen baut mangels Tieren gar keine Schutzzäune mehr auf

Von Thomas Daller, Dorfen

Die Amphibienwanderung zu den Laichgewässern ist heuer an vielen Laichgewässern ausgeblieben. Und das liegt nicht nur daran, dass den Erdkröten und Grasfröschen die Temperaturen im kältesten April seit Jahrzehnten nicht behagten. Vielmehr macht sich bei diesen einstmaligen Allerweltsarten ein rasanter Schwund der Populationen bemerkbar. Zwei Krötenzäune hat der Bund Naturschutz Dorfen in den vergangenen 20 Jahren betreut. Bis vor rund zehn Jahren fanden die Naturschützer dort zur Laichzeit jeweils rund 2000 Tiere und trugen sie über die Straße. Seither ging die Zahl der Frösche und Kröten auf rund 50 zurück. Heuer hat die Ortsgruppe Dorfen ganz auf das Aufstellen der Zäune verzichtet, denn es kamen keine Amphibien mehr.

In den vergangenen Jahrzehnten waren die grünen Krötenzäune am Straßenrand ein gewohnter Anblick. Auch der BN Dorfen hat Jahr für Jahr im März die Zäune aufgebaut und anschließend über mehrere Wochen lang in den Abend- und Morgenstunden Frösche und Kröten eingesammelt und über die Straße getragen, damit sie auf ihrem Weg zu den Laichgebieten nicht von Autos totgefahren werden.

Ein großer Aufwand, den der BN Dorfen heuer nicht betrieben hat. Die Zäune blieben verstaut, die freiwilligen Helfer hatten nichts zu tun. Denn es gibt, so berichtet der BN nun abschließend, keine nennenswerte Amphibienwanderung mehr in der Gemeinde. Selbst ein Aufruf an die Bürger Anfang März, Wanderungen zu melden, brachte keinen Hinweis. Der BN verabschiedet sich damit nach knapp 20 Jahren vorerst aus dem Thema Amphibienschutz.

Diese beiden Grasfrösche haben es offenbar eilig, an ihr Laichgewässer zu kommen. Das größere Weibchen trägt das Männchen dabei Huckepack. Leider ist ernsthaft zu befürchten, dass solche Fotos wie dieses, das vom renommierten Dorfener Naturfotografen Andreas Hartl bald historischen Wert haben werden, weil man solche Bilder in der Natur nicht mehr sieht.

(Foto: Andreas Hartl)

Der BN Dorfen hat in den letzten zwei Jahrzehnten Jahr für Jahr zwei Übergänge betreut. Einen bei Kolomann an der Straße Richtung Hinterberg, einen bei Irlmaier, Gatterberg, bereits Gemeinde Sankt Wolfgang. Die Zahlen sind an beiden Übergängen extrem eingebrochen. 2003 bis 2013 gab es dort noch durchschnittlich je 2000 Tiere, in Spitzenjahren wie 2006 sogar 3000. Zum Schluss waren es noch etwa 50. Den Krötenzaun bei Sankt Koloman hat der BN 2013 das letzte Mal aufgebaut, den Zaun bei Irlmaier dann 2019. 2020 hat der Bund Naturschutz das Geschehen bei Irlmaier noch beobachtet, 2021 wurde auch das schließlich eingestellt.

Auf der Straße zwischen Mehlmühle und Hampersdorf hatte die Stadt Dorfen in den letzten Jahren nachts die Durchfahrt gesperrt. Dort hat der BN heuer mehrfach kontrolliert. "Wir haben dieses Jahr kein einziges Tier gesehen, auch kein totes auf der Straße. Wir hätten uns sonst wieder an die Stadt gewandt, aber wir hatten leider keinen Grund dafür", sagte Wolfram Honsberg, zweiter Vorsitzender des BN Dorfen.

Auch im Dorfener Stadtgebiet macht sich der Rückgang deutlich bemerkbar. So hat der Bauhof im Zuge der Hochwassermaßnahmen 2006 im Isenauenpark einen kleinen Teich angelegt, den die Frösche und Kröten rasch als Laichgewässer in Beschlag nahmen. Im März und April gab es dort in den vergangenen Jahren ohrenbetäubende Froschkonzerte. Doch was damals wie ein Bigband-Blaskonzert klang, ist jetzt nur noch eine kleine Chorprobe. Von diesen hunderten Fröschen, die neugierig ihre Köpfe aus dem Wasser streckten, war heuer kaum noch einer zu sehen. Auch die großen Mengen Laichschnüre im Wasser, die sich zu gallertartigen Klumpen formten, sucht man vergeblich. Heuer wird es dort kaum Nachwuchs geben.

So sahen Laichgewässer im Frühjahr normalerweise aus, voller Laichschnüre, die sich zu gallertartigen Klumpen ballten, reich an Nachwuchs für die kommenden Generationen.

(Foto: Andreas Hartl)

Und das sind keine Einzelfälle: Der BN Dorfen hat sich mit seinen Zahlen an den Landesverband gewandt. Zwar hat der BN Bayern die Zahlen für dieses Jahr noch nicht vollständig ausgewertet, der Trend aber ist der gleiche wie in Dorfen: starke Rückgänge sogar bei Allerweltsarten wie der Erdkröte. In Bayern stehen 12 von 19 Amphibienarten- dazu gehören Frösche, Kröten, Unken, Molche und Salamander - auf der Roten Liste. "Das ist ein drastischer Rückgang, der in seinem Ausmaß dem schon beachteten Insektensterben gleich kommt. Mit den Amphibien verschwindet damit die nächste große Tiergruppe aus unserer Landschaft", sagte Honsberg.

Beim BN Bayern beobachtet man diese Entwicklung bereits seit zehn bis 15 Jahren mit Sorge. Christine Margraf, zuständig für Tiere und Pflanzen in Südbayern, spricht von komplexen Zusammenhängen, bei denen der Klimawandel, aber auch die Landwirtschaft maßgebliche Rollen spielen. So benötigen Frösche und Kröten im Frühjahr eine Regennacht mit Plustemperaturen, um zu ihrer Laichwanderung aufzubrechen. Dafür sei es aber in den vergangenen Jahren zu trocken gewesen. Außerdem würden immer mehr Kleingewässer austrocknen, die ihnen als Lebensräume dienen. Erschwerend komme das Insektensterben hinzu, denn Insekten seien die Hauptnahrung der Tiere. Und nicht zuletzt würden die Amphibien auch Spritzmittel aus der Landwirtschaft über ihre empfindliche Haut aufnehmen. Perspektivisch würden die Aussichten nicht besser: Unter den Amphibien breite sich ein Pilz aus, der zwar Südostbayern noch nicht erreicht habe, aber mit dem zu rechnen sei. Dieser Pilz dezimiere die Populationen zusätzlich.

Auch die bislang weit verbreiteten Erdkröten sind mittlerweile kaum noch gesichtet worden.

(Foto: Andreas Hartl)

Auch BN-Kreisgeschäftsführer Manfred Drobny geht davon aus, dass die intensiv genutzte Agrarlandschaft zu den Hauptursachen des Amphibiensterbens zählen. Nach Kammmolch, Laubfrosch und Gelbbauchunken würden nun auch die Bestände der Allerweltsarten wie Grasfrosch und Erdkröte zusammenbrechen - "massivst und landesweit". In Lebensräume wie alte Löschweiher in der Agrarlandschaft schwemme es Feinmaterial ein, an denen Pflanzenschutzmittel anhaften. Diese Mittel würden immer effizienter und blieben auf der Amphibienhaut haften.

Auch für den Menschen könne es unmittelbare Folgen haben, wenn Frösche und Kröten immer mehr verschwinden. Denn Kaulquappen, Jungfrösche und ausgewachsene Tiere dezimieren Mücken noch im Larvenstadium, die im Frühjahr und Sommer zu Millionen in den Teichen und Weihern herumschwimmen. Drobny: "Wenn ihre natürlichen Fressfeinde ausgerottet werden, freuen sich die Mücken." Theoretisch könnte es eine Rückkehr zum Status quo ante geben, sagte Drobny, weil Frösche und Kröten eine hohe Vermehrungsrate haben. Ob dafür allerdings die Maßnahmen des Volksbegehrens wie Uferrandstreifen und eine Bremse beim Glyphosat ausreichen, müsste sich erst noch zeigen.

© SZ vom 08.05.2021
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