Corona überfordert Familien:Immer mehr Anfragen im Josefsheim

Corona überfordert Familien: Im Josefsheim Wartenberg werden Kinder und Jugendliche betreut, gebildet, gefördert und geschützt.

Im Josefsheim Wartenberg werden Kinder und Jugendliche betreut, gebildet, gefördert und geschützt.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Pandemie hat in manchen Familien seelische oder körperliche Verletzungen hinterlassen. Das Josefsheim in Wartenberg bekommt immer mehr Anfragen wegen traumatisierter Kinder

Von Thomas Daller, Wartenberg

Corona hat in manchen Familien seelische oder körperliche Verletzungen hinterlassen. Das geht so weit, dass das Jugendamt Kinder in Obhut nehmen muss. Das Josefsheim in Wartenberg bietet ihnen dann eine "Heimat auf Zeit oder sogar auf Dauer". Allerdings ist der Bedarf in jüngster Zeit stark gestiegen, sagte Martin Hagner, Leiter des Josefsheims, kürzlich im Jugendhilfeausschuss. So stark, dass das Josefsheim gar nicht mehr alle Kinder und Jugendliche unterbringen könne. Zwei bis vier Anfragen pro Woche seien keine Ausnahme, sagte Hagner.

Das Josefsheim in Wartenberg ist eine heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung mit vollstationären Wohngruppen für Kinder, Jugendliche und junge Volljährige, Inobhutnahme und Entlastungspflegemöglichkeit sowie angeschlossenen ambulanten Diensten. Träger ist das Seraphische Liebeswerk, das Kinderhilfswerk der Kapuziner. Mit dem Sonderpädagogischen Förderzentrum Dorfen kooperiert das Josefsheim im Bereich der Stütz- und Förderklasse und im offenen Ganztag. Ebenfalls in Dorfen unterhält das Josefsheim am Standort Kloster Moosen ein Kinderhaus mit einer Kindergarten- und einer Kinderhortgruppe. Insgesamt werden so rund 350 Kinder von 80 Mitarbeitern im Landkreis Erding betreut, gebildet, gefördert und geschützt.

Das "Herzstück", sagt Hagner, sind die stationären Jugendhilfe-Wohngruppen. Es gibt heilpädagogische Wohngruppen, und sozialpädagogisch betreute Wohngruppen für Kinder und Jugendliche verschiedener Altersstufen sowie eine Wohngemeinschaft für junge Erwachsene.

In den Wohngruppen leben beispielsweise Kinder, deren Eltern verstorben sind oder aufgrund einer Erkrankung temporär oder ganz ausfallen, erläuterte Hagner. Früher, sagte Hagner, sei noch der "Klassiker" hinzugekommen: dass Eltern in der Pubertät mit dem Kind nicht mehr zurecht gekommen seien. Es habe die Schule geschwänzt, auf der Straße gestreunt, und die Eltern hätten keinen Einfluss mehr gehabt. Solche Fälle seien jedoch stark in den Hintergrund getreten, "das wird mehr verdrängt von schwerer Traumatisierung". Kinder würden geschlagen oder seelisch misshandelt: "Eines war drei Jahre in einem Zimmer eingesperrt."

Insbesondere während der zweiten Corona-Welle von Herbst 2020 bis Frühjahr 2021 seien die Anfragen wegen traumatisierter Kinder zurückgegangen. Erst mit den Lockerungen, der Öffnung der Schulen und Kindergärten, seien die Zahlen stark gestiegen. "Es gab weniger Fälle, weil sie nicht bekannt geworden sind", sagte Hagner. Erst als die Schulen wieder geöffnet waren, sei beispielsweise einem Sportlehrer das Kind mit den blauen Flecken aufgefallen. Oder im Kindergarten habe man auf Vernachlässigung geschlossen, weil ein Kind nie eine Brotzeit dabei hatte. "Da gab es einen Nachholeffekt, weil die Schutzfunktion der Gesellschaft wieder in Kraft getreten ist."

Ohnehin habe es während des Lockdowns für viele Familien unterschiedlich hohe Belastungsfaktoren gegeben: Manche würden in einer kleinen Stadtwohnung aufeinander hocken, andere seien durch Arbeitslosigkeit belastet worden. Darüber hinaus vermutet Hagner, dass es während des Lockdowns in manchen Familien zu Problemen gekommen sei, weil man bereits vorher auf teilstationäre oder ambulante Angebote wie heilpädagogische Tagesstätten angewiesen war. Als das komplett weggefallen sei, wären einige Familien mit der Situation überfordert gewesen. "Jetzt bricht sich das Bahn, durch die Lockerungen ploppen die Probleme auf", sagte Hagner. Das sei seine persönliche Einschätzung der Situation, aber sie entspringe auch dem fachlichen Austausch mit Kollegen.

"Wünschenswert wären manchmal flexiblere Lösungen", sagte der Heimleiter. "Unser System ist nur bedingt auf solche Krisensituationen ausgerichtet. 2015 waren alle überfordert mit den vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, jetzt sind wir mit Corona wieder überfordert."

Er würde sich wünschen, dass er in Wohngruppen, die er mit acht Regelfällen und einem flexiblen Fall belegen kann, auch mal zwei flexible Fälle in Notsituationen anbieten könnte, insbesondere wenn es sich um Geschwister handele. Das sei aber nicht erlaubt. Und weil auch die Finanzierung knapp sei, sei man eigentlich immer schon voll belegt. Dieser Wunsch nach mehr Flexibilität, betont er, entspringe nicht dem Verlangen, mehr Geld zu machen, sondern um Kindern helfen zu können.

© SZ vom 25.06.2021
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