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Corona in Erding:Hausärzte stehen für Impfungen bereit

"Wir müssen die Impfung schnell in die Breite bekommen, um rasch eine Herdenimmunität zu erhalten", sagt Markus Marschall, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Erding. Das Impfzentrum des BRK könne dies nicht alleine schaffen

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Maximal 150 Impfungen gegen Covid-19 schafft nach eigenen Angaben das Impfzentrum des Erdinger BRK am Tag, dazu kommen 100 über das mobile Impfteam. Zu wenig, spätestens dann, wenn genügend Impfstoff vorhanden ist, sagt der Internist und Pneumologe Markus Marschall, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Erding. "Wir müssen die Impfung schnell in die Breite bekommen, um rasch eine Herdenimmunität zu erhalten", sagt er. Abhilfe könnten die Hausärzte im Landkreis schaffen, sie würden bereits in den Startlöchern stehen. Nach dem von Bund und Ländern erstellten Impfplan sollen eigentlich erst im zweiten Quartal Patienten in den Hausarztpraxen gegen Covid-19 geimpft werden. In Mecklenburg-Vorpommern ist man dem Zeitplan weit voraus. Seit der dritten Kalenderwoche impfen dort auch testweise Allgemeinärzte - mit durchweg positiven Erfahrungen.

Wenn man eine Impfquote von mindestens 70 Prozent erreichen will, geht es nur mit den Arztpraxen - darüber sind sich alle einig. "Dass das Impfzentrum alleine nicht ausreicht, hat auch Herrmann Schöberl, der Leiter des Impfzentrums, in der Führungsgruppe Katastrophenschutz präsentiert", sagt Marschall. Knapp 7000 Menschen sind nach Angaben des Statistischen Landesamtes Bayern im Landkreis älter als 80 Jahre. Rechnet man alle drei Risikogruppen zusammen, kommt man, wenn nur das Kriterium Alter zählt (über 60 Jahre), auf 32 000 Personen. "Das kann das Impfzentrum schon rein rechnerisch erst in sehr vielen Wochen schaffen", sagt Marschall. Für eine Ausweitung der Impfstellen gebe es aber noch keine konkreten Pläne.

Marschall sieht aber keine Probleme, die Impfungen auch in den Praxen durchzuführen. In anderen Kreisverbänden in Oberbayern würden zum Teil sogar die Hausärzte beziehungsweise Kreisverbände die Impfungen in den Zentren organisieren, sagt Marschall. Auch dort sammle man Erfahrungen. Eine sei, dass Covid-19-Impfungen nicht mal so nebenbei gingen. "Die ist sehr zeitaufwendig und benötigt eine große Portion Engagement und Zeit", sagt der Kreisvorsitzende. Der limitierende Faktor sei derzeit nur die Impfstoffmenge, die derzeit über das Impfzentrum noch leicht verarbeitet werden könne. Ein positiver Faktor sei bei der Impfung durch den Hausarzt neben der größeren Zahl von durchgeführten Impfungen auch die Nähe der Ärzte zu den Menschen. Vor allem ältere Personen seien oft nicht mehr so mobil, um in ein Kilometer entferntes Impfzentrum zu fahren.

Noch gibt es nicht genügend Impfstoffampullen gegen das Covid-19-Virus, damit auch in den Arztpraxen im Landkreis geimpft werden könnte.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Rainer Kühn vom Ärztekollegium Erding im Gewerbegebiet West-Park beantwortet die Fragen, ob man gegen Covid-19 impfen könne, es sich zutraue und die technischen Voraussetzungen habe, "dreimal mit Ja". In der Grippesaison würden die Ärzte in der Gemeinschaftspraxis 200 Personen am Tag impfen. 200 Impfungen am Tag seien auch bei der zeitintensiveren Covid-19-Impfung eher niedrig angesetzt, wenn man ausschließlich impfe. Das Ärztekollegium Erding habe sich deshalb gemeinsam mit den Maltesern ebenfalls für den Betrieb des Impfzentrums beworben und ein mehrseitiges Konzept abgegeben, das vom Gesundheitsamt positiv bewertet worden sei. Als einzige Praxis im Landkreis, die gegen Gelbfieber impfen dürfe, habe die Gemeinschaftspraxis die nötige Kompetenz, da man sich regelmäßig zum Thema Impfungen fortbilden müsse. "Das BRK Erding sollte meines Wissens nach zunächst nur die mobilen Impfungen übernehmen, aber plötzlich hat es geheißen, das BRK bewirbt sich für beides", sagt Kühn. Er sei überrascht gewesen, als das BRK den Zuschlag bekommen habe. Wie Marschall sieht er in der Vertrauensbasis zwischen Hausarzt und Patienten große Vorteile auch in Sachen Impfbereitschaft. Sollte genügend Impfstoff irgendwann vorhanden sein, wäre es für Kühn unverständlich, wenn man die Allgemeinärzte nicht einbinden würde: "Impfungen sind eine ärztliche Primärkompetenz.

Also ist es logisch, dass man dort auch impft." Die Vertrauensbasis sieht auch Eva Walenta von der allgemeinmedizinischen und hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Wartenberg als Vorteil: "Zudem haben wir sehr viele Patienten, die wir zu Hause besuchen. Die sind nicht so mobil, um überhaupt zum Impfzentrum zu kommen." Und auch die Impfung in der Praxis sei kein Problem. "Wir impfen ja auch sonst. Momentan ist nur das Problem die Priorisierung und der knappe Impfstoff. Wir würden lieber erst impfen, wenn sich die Leute nicht um den Impfstoff streiten und wir zuletzt Security am Eingang benötigen", sagt Eva Walenta.

In Mecklenburg-Vorpommern wird in den Praxen bisher der Impfstoff von Biontech/Pfizer verwendet. Auch in Bayern wird der neue mRNA-Impfstoff in einem Zentrallager kälter als minus 70 Grad gehalten und von dort an die Impfzentren verteilt. Dort wird der Impfstoff in Kühlschränken bei einer Temperatur zwischen zwei und acht Grad deponiert - wie es auch in Praxen der Fall sein kann. Im Kühlschrank kann er maximal fünf Tage lang ungeöffnet bleiben. In der Regel wird er aber noch am gleichen Tag verabreicht.

Der erste in der EU zugelassene Wirkstoff, der hauptsächlich im Erdinger Impfzentrum gespritzt wird, stammt von Biontech/Pfizer.

(Foto: Renate Schmidt)

"In den Rundschreiben vom Ärztlichen Kreisverband ist das Impfzentrum als einziger angegeben, aber das kann schon übermorgen anders sein. Ohne Impfstoff können derzeit nicht mal die Zentren impfen", sagt die Ärztin Gabriele Betzmeir aus Erding. Natürlich könne man gegen Covid-19 impfen, "und darauf wird es über kurz oder lang hinauslaufen", sagt Betzmeir. Logistisch sei aus ihrer Sicht in einer kleinen Arztpraxis oft aber nur ein Impfstoff zu verwenden, der nicht tiefgekühlt werden muss, wie der von Biontech/Pfizer.

Auch in der Arztpraxis von Anette Keller in Dorfen bekommt man die Auskunft, dass geimpft werden könne, wenn genügend Impfstoff vorhanden sei. Genauso in der Arztpraxis von Bernhard Brandlhuber in Dorfen: "Wir sind in der Lage zu impfen, wenn Impfstoff da ist", sagt Karina Tonn.

© SZ vom 10.02.2021
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