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Beratung:Leiden und lernen

Alexander Geist

"Die Ferien tun uns allen gut", sagt Alexander Geist. Noch mehr würde ihn aber eine Rückkehr zur Normalität froh machen.

(Foto: Stephan Görlich)

Seit Mitte März war Schule eine Herausforderung für Schüler, Lehrer und Eltern. Ein Gespräch über Unterricht unter Corona-Bedingungen mit dem Erdinger Schulpsychologen Alexander Geist

Interview von Florian Tempel

Studiendirektor Alexander Geist, 63, unterrichtet Deutsch, Ethik und Psychologie seit 1998 am Anne-Frank-Gymnasium. Seit 32 Jahren ist er als Schulpsychologe tätig. An der Beratungsstelle Oberbayern Ost ist er Beauftragter für Lehrergesundheit Supervision und Coaching. Während des Interviews per Videoanruf passiert, was eben so passiert: die Verbindung bricht zusammen. Geist hatte schon gewarnt, dass das Schul-Wlan schwach sei. Der längste Teil des Gesprächs findet altmodisch am Telefon statt.

SZ: Herr Geist, es ist etwas weit hergeholt, aber 1971 sangen Roy Black und Anita: "Das Schönste im ganzen Jahr, das sind die Ferien, dann ist sogar auch unser Lehrer froh." Stimmt das nicht mehr denn je?

Alexander Geist: Bei mir persönlich ist es so: Ich hatte mir zu Jahresanfang den Fuß gebrochen, eine komplizierte Fraktur. Nach zwei Monaten im Krankenstand hatte ich mich im März sehr auf Schule und Alltag gefreut - aber nach nur einer Woche kam dann die Corona-Schließung. Persönlich wäre ich froh, in die Normalität zurückzukommen. Aber grundsätzlich tun die Ferien uns allen gut. Ich merke es bei den Schülern, ich merke es bei den Kollegen.

Erst mal zu den Schülern. Es gibt verschiedene Persönlichkeits-Typen. Für welche waren die Corona-Einschränkungen am schlimmsten?

Schüler, die ganz stark eine Struktur brauchen, etwa Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen, für die war es echt heftig. Sie brauchen die Struktur des Tages und des Unterrichts. Eine andere Untergruppe, die es an unsere Schule gibt, sind Asperger-Autisten. Bei denen war es sehr unterschiedlich. Die einen waren heilfroh, dass der Sozialstress weg war, also die Nähe anderer Menschen. Andere litten jedoch unter der fehlenden Struktur.

Bei den meisten Schülern gab es aber keine offensichtlichen Probleme?

Der Großteil hat sich mit viel Umgewöhnung irgendwie mit der Situation arrangiert. Und alle Schüller hatten ja die Entlastung, dass es keine Noten mehr gab.

Spielte das Alter eine Rolle?

Bei den jüngeren Schülern gab es einige, die zu wenig Ahnung von Computern hatten. Andere taten sich vor allem damit schwer, den Tag vernünftig zu organisieren. Und wir hatten auch einige Schüler, die uns etwas abhandengekommen sind. Entweder weil sie technisch weg waren und sich nicht gemeldet haben. Oder weil sie ein Verhalten verstärkt haben, das sie vorher schon hatten: sich aus dem Schulbetrieb geistig möglichst zurückzuziehen. Das ging unter Corona-Bedingungen gut.

Bei vielen Jugendlichen hatte man auch das Gefühl, dass sie während des Lockdowns in ihrem Zimmer versumpft sind.

Die ohnehin gefährliche Tendenz, am Computer zu verhocken, wurde auf alle Fälle noch mal forciert.

Andererseits war es das Gebot der Stunde, Distanz zu anderen zu halten. Aber brauchen nicht gerade junge Leute Freundeskontakte und Gruppenerlebnisse?

Natürlich, die Mehrzahl der Kinder und Jugendliche braucht die Kontakte. Das hat man ganz deutlich bei den Kleinen gesehen, in den ersten Tagen, als sie wieder zurück in der Schule waren. Es gehört dazu, dass Kinder als soziale Wesen viel beieinander sind. Aber es ist vielleicht auch nicht schlecht, dass sie jetzt mal unter realistischen Bedingungen - nicht unter künstlich hergestellten Bedingungen - in einem gewissen Bereich Verzicht üben mussten.

Man lernt das nur unter besonderen Gegebenheiten?

Wenn man Kindern und Jugendlichen das nur appellativ nahebringen will, kann man das gleich vergessen. Man lernt aus der Situation.

Haben die Kinder auch gelernt, sich selbst zu organisieren?

Was die Selbstorganisationsfähigkeit angeht, gibt es Schüler in der Oberstufe, die das gut hinbekommen haben, aber auch da nicht alle. Bei den Kleineren brauchte es definitiv die Eltern. Ohne die Eltern wäre das alles nicht gegangen.

Kann man auch etwas Positives aus der ganzen Krise lernen?

Ich glaube, Schülern, Lehrern und Eltern ist bewusst geworden, wie wichtig der Präsenzunterricht ist. Digitalisierung ist richtig und gut, um ergänzend etwas zu machen. Aber der Glaube, dass das unmittelbare Face-to-Face im Unterricht ersetzbar wäre, ist erschüttert worden. Oder anders herum erklärt: Meine Fächer zum Beispiel sind Gesprächsfächer. Da entwickelt man viel im Dialog und feilt an den Dingen. Das geht mit digitaler Technik viel begrenzter.

Was macht denn den normalen Schulunterricht aus, so wie wir ihn kannten?

Ich erkläre es aus Lehrersicht: Ich kann im direkten Gegenüber die Schüler ganz anders wahrnehmen. Ich sehe schon am Gesichtsausdruck, driften sie mir jetzt weg oder ist meine Erklärung schräg. Außerdem trauen sich Schüler im Klassenverband einfach mehr, sich zu melden.

Wie ist es bei einer Videokonferenz?

Bei uns waren es eher Telefonkonferenzen. Die Schüler sehen mich, aber ich sehe sie nicht. Denn wenn alle ihr Bild einschalten, bricht alles zusammen. Es ist auch so, dass wir alle Videokonferenzen als anstrengend empfinden. Weil unser Gehirn ständig versucht, die fehlenden Informationen zu ergänzen - denn man sieht den anderen nur zweidimensional oder sieht ihn gar nicht und hört ihn nur. Das kostet Kraft. Und es gibt eine große Scheu bei den Schülern, sich auf diesen Plattformen zu Wort zu melden. Mir als Lehrer fehlen zudem die Rückmeldungen. Ich kenne ja meine Schüler. Mancher traut sich nicht, aber ich sehe am Gesichtsausdruck, der sitzt auf einer Frage. All diese selbstverständlichen sozialen, kommunikativen Dinge fallen übers Netz weg. Alles wird reduziert auf das Wort - aber das ist nicht alles.

Als nach dem Lockdown der Unterricht in der Schule wieder losging, war das eine Erleichterung?

Ein neuer Stressfaktor waren die neuen Organisationsformen, jede Woche wieder was anderes. Man musste sich auch an die kleinen Gruppen gewöhnen. Ist ja eigentlich gut, aber wegen des Abstandsgebots konnte man keine Partner- und Gruppenarbeit machen. Es ging nur Frontalunterricht. Da fehlt viel, das ist auch nur ein Ersatz für richtigen Unterricht. Aber dennoch war der Präsenzunterricht schon deutlich besser.

Es gab keine Noten und keine Prüfungen mehr. Gehört das nicht beides auch zum Unterricht?

Ich unterrichte zum Beispiel Deutsch in der Oberstufe, elfte Klasse. Meine Schüler waren fleißig, wir haben viel erarbeitet, aber die Schüler haben, genau wie ich, keinen blassen Schimmer, ob unter Ernstfallbedingungen etwas hängen geblieben ist. Das sieht man erst, wenn wieder Prüfungen geschrieben werden.

Das Abi 2020 war speziell. Aber bis zum Corona-Lockdown waren die Abiturienten mit dem Stoff durch, das letzte Halbjahr ist schon immer nur die Phase der Vorbereitung auf die Prüfungen. Steht da nicht die Q11, die nächstes Jahr Abitur macht, viel mehr unter Stress?

Die aus der Elften sind im Moment die, um die man sich noch viel mehr Sorgen machen muss. Die waren in der Oberstufe gerade ins Laufen gekommen, im ersten Halbjahr, und dann sind sie aus der Bahn geschmissen worden. Dieser Jahrgang wird die eigentlichen Folgeprobleme bekommen. Der Lehrplan ist deshalb schon reduziert worden, weil vieles erkennbar nicht mehr aufzuarbeiten ist bis zum Abitur.

Als Schulpsychologe, was gab es da Corona-Spezifisches?

Insgesamt war die Nachfrage nach Beratung gering, das haben auch viele meiner Kollegen bestätigt. Viele Schüler waren erst mal damit beschäftigt, den Alltag zu bewältigen. Dann war klar, dass es keine Noten mehr gab, und das Thema Prüfungsangst fiel weg. Aber ich fürchte, die Quittung bekomme ich im Herbst, wenn Schüler mit den Unsicherheiten aus dem Vorjahr in Prüfungen gehen müssen. Da kommt, glaube ich, zeitversetzt noch eine größere Welle auf uns Berater zu. Einige sonst übliche Probleme aus dem Schulalltag gab es auch nicht mehr, weil der Klassenverband nicht mehr da war. Für manche war das eine echte Entlastung.

Kinder haben zwar ihre Freunde nicht mehr gesehen, aber sie haben auch nicht mehr die treffen müssen, die sie sonst gepiesackt haben?

Ja, aber das trifft natürlich nur eine Minderheit, Gott sei Dank. Die große Mehrheit litt schon unter dem Verlust der positiven Kontakte. Oft bis zuletzt, weil einer in der Gruppe A war, seine besten Kumpel aber in der Gruppe B.

Und wie sah es mit psychischen Belastungen bei den Lehrern aus?

Da waren wir an der Beratungsstelle überrascht. Es war vergleichsweise wenig los, das hatten wir anders erwartet. Nur die Lehrer, die vorher schon heftig belastet waren, für die war es schlimm. Eine Menge Lehrer hat sich einfach durchgebissen. Wir haben ja nicht nur einen kräftigen Schritt Richtung Digitalisierung gemacht. Es war eine Umstellung auf Volldigitalisierung mit Fernunterricht, was didaktisch und methodisch irrsinnige Unterschiede macht. Die gesamte Unterrichtsvorbereitung war so viel anstrengender. In den Ferien, wenn man in die Entspannung kommt, wird vielen bewusst werden, wie k.o. sie sind und wie fertig sie das alles gemacht hat.

© SZ vom 24.07.2020

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