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Dorfen:Digitaler Quarantäne-Unterricht

Funktioniert in etwa wie Whatsapp-Gruppen: Die Lehrer legen für jede Klasse einen sogenannten Channel für jedes Fach an.

(Foto: Florian Tempel)

Wie Lernen trotz Coronakrise weitergeht: Am Gymnasium Dorfen setzt man auf die App Schul-Cloud. Grundschuleltern sind selbst gefordert - und merken, wie unersetzlich Lehrerinnen und Lehrer sind

Thomas Emrich ist der Rektor der Dorfener Grundschule Am Mühlanger. Er muss sich darum kümmern, wie die Einschreibung der nächsten Erstklässler und der Übertritt der aktuellen Viertklässler funktioniert und wie man Kinder betreuen kann, deren Eltern das nicht können. Natürlich macht er sich Gedanken, wie seine Schüler in diesen Tage etwas lernen sollen. Aber ihm ist dabei eines klar: Wenn es so wäre, dass die Kinder in den Corona-Sonderferien zu Hause wirklich lernen würden, dann wäre das ein Armutszeugnis für seinen Berufsstand. Damit hat Emrich recht. In diesen außergewöhnlichen Tagen, die keine Ferien, aber schulfrei sind, kriegen die Eltern mit, wie unersetzlich der Unterricht der Lehrer in der Schule ist.

Man darf sich sicher sein, dass es den meisten Kindern und Jugendlichen nichts ausmacht, dass die Schule ausfällt. Bei allen, die gerade auf einen Schulabschluss zusteuern, mag das etwas anders sein. Der Großteil aber hat kein Problem damit, den Tag ohne all die interessanten Fächer wie Mathematik und Erdkunde, Deutsch und Latein, Religion und Sport zu verbringen. Es gibt viele andere schöne Dinge. Allerdings gibt es dennoch und völlig zu recht Bemühungen, dass die viele freie Zeit schulisch nicht ganz ungenutzt verstreicht.

Das Gymnasium Dorfen etwa setzt auf die App Schul-Cloud, die unkompliziert ist und durchaus praktikabel erscheint. Am vergangenen Freitag, bevor alle Schüler bis nach den offiziellen Osterferien nach Hause entlassen wurden, bekam jeder Schüler eine kurze Anleitung und den Zugangscode des Gymnasiums Dorfen für Schul-Cloud mit. Damit konnte sich jeder im Internet bei Schul-Cloud anmelden und sich die App auf sein Smartphone laden. Man kann davon ausgehen, dass jeder ein Smartphone hat und auch jeder Zugriff auf einen Computer. Im Fachjargon heißt es, dass Schul-Cloud nach dem BYOD-Prinzip funktioniert. BYOD steht für "bring your own device", also "benutze dein eigenes Gerät".

Im nächsten Schritt legten alle Lehrer einer Klasse für jedes Fach einen sogenannten Channel an. Die heißen dann zum Beispiel "#7B Kunst" oder "#10E Mathematik". Ähnlich wie in einer Whatsapp-Gruppe luden die Lehrer alle ihre Schüler ein und als alle dabei waren, war das virtuelle Klassenzimmer komplett. Seitdem können Lehrer und Schüler, theoretisch auch die Schüler miteinander, auf dieses Weise kommunizieren. Unter sich sind Jugendlich digital vernetzt und technisch für raumübergreifende Kontakte gerüstet. Es gehört bei Teenagern zum Standard, ein externes Mikrofon am Computer zu installieren, damit sie sich bei Online-Gaming mit ihren Freunden unterhalten können. Und wie man Videokonferenzen zusammenschaltet, ist für junge Leute Basiswissen.

Die Wissensvermittlung über Schul-Cloud war bei den Schülern und Lehrern des Dorfener Gymnasiums hingegen bislang nur ein erstes Warmlaufen. Beim Zehntklässler Emil liefen am Montag die ersten Aufgaben ein. Die Chemielehrerin schickte die Anweisung, "schaut euch die Unterlagen zu den physikalischen Eigenschaften des Alkohols an", und nannte die Aufgaben im Chemiebuch, die man dazu bearbeiten sollte. Die fertige Hausaufgabe sollte man dann mit dem Smartphone fotografieren und retour schicken. Beim Englischlehrer hieß es "Good morning, Ladies and Gentlemen", man solle Vokabeln lernen und einen Text über einen Harry Potter-Text verfassen. Aber nicht handschriftlich anfertigen, sondern lieber am Computer tippen, was die Korrektur und das weitere Hin und Her erleichtere. Die Musiklehrerin meldete sich bei ihrer Klasse mit lieben Grüßen und dem Bedauern, dass man sich nicht persönlich sehen könne, was es im Fach Musik besonders schwierig mache. Die Leiterin des Oberstufentheaters konnte über Schul-Cloud nichts anderes bekannt geben, als dass die Premiere des Stücks, an dem man gerade probte, angesichts der aktuellen Umstände auf September verschoben sei.

Die Eltern wurden derweil per E-Mail aufgefordert, sich möglichst jeden Tag in das digitale Elternportal auf der Homepage der Schule einzuloggen, um stets auf dem neuesten Informationsstand zu bleiben. Was nicht unwesentlich ist. Markus Höß, der neue Direktor des Dorfener Gymnasiums, teilte mit, dass "in der ersten Phase der großflächigen Nutzung der Schul-Cloud der Server bisweilen an der Leistungsgrenze beziehungsweise vorübergehend nicht verfügbar" waren. Da aber "mit Nachdruck an einer Erweiterung der Serverkapazität" gearbeitet werden, sei "mit einer baldigen Optimierung der Leistungsfähigkeit der Schul-Cloud zu rechnen". Die Schüler hatten das auch schon mitgekriegt. Bald gibt es aber keine Ausreden mehr, von wegen geht nicht.

Im Schreiben von Oberstudiendirektor Höß hieß es weiter: "Um den Dialog zwischen unseren Lehrkräften und ihren Schülerinnen und Schülern während der unterrichtsfreien Zeit zu ritualisieren, haben wir uns schulintern abgestimmt." Der Plan für die zwei Wochen bis zu den Osterferien sieht nun so aus: Die Schüler erhalten an den Montagen für jedes Fach eine gewisse Menge Aufgaben, die sie bis Freitag Mittag, spätestens 12 Uhr, vollständig bearbeitet an die Lehrer zurück schicken sollen.

In der Grundschule ist so eine tolle App keine Lösung. Viele Grundschüler haben noch kein Smartphone. Überhaupt sehen die Kleinen die Sache entspannter als die Teenager. Für den Zweitklässler Leo ist klar, wie die aktuelle Lage einzuschätzen sei: "Das ist wie Ferien mit Hausis." Der Achtjährige ist nicht gewillt, mehr als eine Stunde Lesen, Schreiben und Rechnen zu akzeptieren. Dass die Schule ausfällt, hat ja nicht er zu verantworten. Hausaufgaben sind okay, alles darüber hinaus aber nicht. Eltern, die der Ansicht sind, ihre Kinder müssten berücksichtigen, dass sie anders als sonst bis Mittags keinen Unterricht mehr haben, stehen auf verlorenem Posten. Aber sie merken ganz schnell, dass es ihnen reicht, nur die "Hausis" in Stellvertretung für die Lehrerinnen zu gestaltet.

Grundschulrektor Emrich hat absolut recht: der Unterricht in der Schule, die Arbeit der Lehrer, ist nicht zu ersetzen. Vor wenigen Tagen war in der SZ die Einschätzung eines anderen Schulleiters zu lesen, der die Aussichten des Selbstlernens zu Hause trotz digitaler Methoden ebenso realistisch kalkulierte wie Emrich: "Wir können froh sein, wenn zehn Prozent des üblichen Pensums geschafft werden."

© SZ vom 19.03.2020

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