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Ausbildungsmarkt:Es zählt nicht nur das Geld

Kerstin Fink im Ausschuss für Bildung und Kultur

"Am mangelnden Engagement der Betriebe, Lehrlinge zu finden, liegt es aber nach der Studie nicht."

Jugendliche wollen, dass ihnen ihr künftiger Beruf Vergnügen bereitet. Betriebe sollten daher bei der Suche nach einem Auszubildenden mehr Wert auf die weichen Faktoren legen

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen im Landkreis nimmt seit 2013 zu, weil es zwischen den angebotenen Stellen und den Wünschen der Lehrstellensuchenden Diskrepanzen gibt. Vor allem kleine Betriebe mit bis zu neun Mitarbeitern haben Probleme, einen Auszubildenden zu finden. Das ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts zum Ausbildungsmarkt des Instituts für Bildungsforschung an der Hochschule für angewandtes Management in Erding, das Kerstin Fink jüngst im Kreisausschuss für Bildung und Kultur vorgestellt hat.

Am mangelnden Engagement der Betriebe, Lehrlinge zu finden, liegt es aber nach der Studie nicht. Das Engagement ist im Landkreis sogar überdurchschnittlich, wie Kerstin Klein sagte. Vielmehr müsste auf allen Ebenen mehr auf die Verdienst- und Karrieremöglichkeiten in den unterbesetzten Berufsbereichen hingewiesen werden, das Image der Berufe sollte allgemein gefördert werden. Vor allem im Bereich Gastronomie und Verkauf sowie im Baugewerbe werden noch zahlreiche offene Lehrstellen gemeldet. Problemlos können aber Arbeitgeber ihre Stellen im Kfz-Gewerbe und Gesundheit und Medizin sowie im Holzhandwerk besetzen.

Die Daten, die für das Forschungsprojekt verwendet wurden, stammen aus zwei Fragebögenaktionen. Zum einen wurden mehr als 600 Betriebe angeschrieben, 301 füllten die Bögen auch aus und schickten sie zurück. Zudem wurden die Fragebögen von 317 Mittelschüler der 9. Klassen und 332 Realschülern der achten und neunten Klassen ausgewertet. 53 Prozent der Firmen haben weniger als neun Beschäftigte. Dazu gab es Statistiken der Agentur für Arbeit für den Landkreis. Im August waren noch 63 Stellen unbesetzt, 202 Schulabgänger hatten aber auch noch keinen Ausbildungsvertrag.

Die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage zeigt sich deutlich an den Wunschberufen: Am beliebtesten ist bei den Jungs der Kfz-Mechatroniker, gefolgt vom normalen Mechatroniker und Feinwerkmechaniker, die jungen Frauen wollen gerne Kauffrau werden. Am liebsten im Büro, gefolgt vom Einzelhandel und in der Industrie. Die Mehrheit der Ausbildungssuchenden (57 Prozent) haben dabei einen Realschulabschluss, ein Drittel hat die Hauptschule beendet und nur sieben Prozent haben Fach- oder Hochschulreife - was relativ wenige sind, bundesweit wollen 25 Prozent eine Ausbildung.

Als häufigster Grund wurde von den Betrieben, die unbesetzte Lehrstellen haben, genannt, dass es nicht genügend Bewerber gibt (83 Prozent) und dass ihr Ausbildungsberuf offenbar nicht attraktiv genug sei (63 Prozent). Nur 54 Prozent klagten darüber, dass die Bewerber nicht über die notwendige Qualifikation verfügten - bundesweit beschweren sich drei von vier Firmen darüber, wie Klein sagte. Die meisten Betriebe entscheiden über die Besetzung durch vorhergehende Praktika bei ihnen oder bei einem Bewerbungsgespräch.

Erst an dritter Stelle ist das Schulzeugnis für die Arbeitgeber wichtig. Und zudem spielen im Landkreis persönliche Kontakte eine wichtige Rolle. 73 Prozent aller Lehrlinge kamen so zu einem Ausbildungsplatz. Die Agentur für Arbeit ist am zweitwichtigsten. Die Betriebe im Landkreis sind dabei laut der Studie breit gefächert, was ihre Suche betrifft: vom Praxisangebot über die Teilnahme an berufsorientierenden Veranstaltungen an den Schulen bis hin zu Fachmessen. Sogar überregional wird gesucht.

Die Schulabgänger haben jedoch ziemlich genaue Vorstellungen, was ihnen bei einem Job wichtig ist. 84 Prozent wollen "Spaß im Job" haben, Der Arbeitsplatz muss sicher (63 Prozent) und das Verhältnis zum Chef und den Kollegen gut sein (59 Prozent). Der "gute Verdienst" kommt erst an vierter Stellen (56 Prozent). Kriterien, die die Schulabgänger offenbar nicht in den Bereichen Gastronomie, Verkauf und Service (sechs Prozent der Wünsche) und Industrie und Produktion (acht Prozent) erfüllt sehen.

Das Forschungsprojekt kommt deshalb zu dem Schluss, dass die Betriebe verstärkt die "weichen Faktoren" wie eben der Spaß an der Arbeit und das gute Klima in der Firma glaubwürdig vermitteln sollen. Die Berufsberatungen sollten verstärkt auf Chancen und Möglichkeiten in den unterbesetzten Bereichen hinweisen und die betroffenen Branchen ein gemeinsames Ausbildungsmarketing, um ihr Image zu stärken, erwägen. Kleinstbetrieben wird außerdem geraten, das Internet verstärkt zu nutzen, um ausbildungswillige Jugendliche zu gewinnen. Ein wichtiger Ansatzpunkt seien zudem die Eltern. 62 Prozent aller Schüler nannten ihre Eltern als Bezugsperson für die Ausbildungs- und Berufswahl.

© SZ vom 08.10.2016

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