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Unterwegs mit Profisportlern:Mitten in der Löwen-Familie

Für diese Saison - Siegfried Gschwendtner fährt den Bus des TSV 1860 München

Siegfried Gschwendtner (Foto: Hinz-Rosin) darf hoffen, dass er an diesem Montagabend beim Auswärtsspiel in Dresden mit auf der Bank sitzt. Nun ist der 49-Jährige kein spätberufener Fußballer, der es überraschenderweise in den Kader eines Zweitligisten geschafft hat. Der Egmatinger hat ein anderes Talent. Er fährt Bus, und das "mit großem Spaß", wie er betont. Fußball ist für den Familienvater aber auch wichtig in seinem Leben. Wenn er Zeit hat, schaut er sich jedes Spiel im Fernsehen an. So ist er nun sehr glücklich, dass er beide Leidenschaften verbinden kann. Denn Gschwendtner fährt in dieser Saison die Profis des TSV 1860.

Das Glonner Unternehmen Ettenhuber, bei dem er angestellt ist, hat den Auftrag vom Münchner Traditionsklub erhalten. Und Gschwendtner wurde vom Chef gefragt, ob er die Aufgabe übernehmen will. Der Fußballfan musste nicht lange überlegen. Schließlich: "Nicht jeder darf so Fahrten mit Profisportlern machen", sagt er voller Begeisterung über seinen neuen Job. Und da es sich um die Löwen handelt, ist das für ihn eine zusätzliche Herzensangelegenheit. Schließlich outet er sich zwar als Anhänger aller großer bayerischen Fußballmannschaften und wünscht der Spielvereinigung Unterhaching den Aufstieg, dem FC Bayern die Meisterschaft und 1860 die Rückkehr in die erste Bundesliga. Doch wenn es dann zum Derby gegen die Roten kommen würde, ist für ihn klar, wer gewinnen sollte: die Blauen natürlich, der derzeitige Arbeitgeber.

Seine Freude über seine neue Beschäftigung hat aber auch ganz pragmatische Gründe. 22 Jahre lang sei er nämlich im Reiseverkehr unterwegs gewesen, erzählt der Berufsbusfahrer. Das ist zwar einerseits traumhaft. Schließlich hat er dadurch "ganz Europa" gesehen, von Norwegen bis Italien, von Frankreich bis Russland. Aber Frau und Sohn, der ist acht Jahre alt, bekam er oftmals Wochen und Monate kaum zu Gesicht. Das hat sich geändert. Die Fußballprofis sind nicht Wochen unterwegs, sondern höchstens mal zwei Tage, wie zum Auswärtsspiel an diesem Montag in Dresden. Sonntag ging es los, am Dienstag sind sie wieder zurück in München. Unter der Woche mag es zuweilen auch mal eine Fahrt zu einem Sponsorentermin geben, ganz ausfüllend ist der Berufsalltag damit jedoch für den Egmatinger "leider noch nicht", wie er betont.

Aber gut unterwegs ist er mit den Löwen zu seiner Freude dennoch. Selbst bei Heimspielen. Da holt er die Mannschaft am Vortag vom Trainingsgelände ab. Von dort geht es in ein Münchner Hotel, in dem das Team übernachtet, um am nächsten Tag von Geschwendtner in die Allianz-Arena gebracht zu werden. Und der Busfahrer ist eben bei allem dabei. Er übernachtet mit im Hotel, frühstückt mit den Spielern. Vom ersten Tag an habe er zur Löwen-Familie gehört, ist der 49-Jährige über die Integrationskraft bei dem Profiklub erstaunt und froh zugleich. Und diese endet nicht am Parkplatz vor dem Stadion, sondern reicht bis zum Spielfeldrand. Denn bei Auswärtspartien dürfe der Busfahrer wohl mit auf der Bank sitzen, freut sich Geschwendtner auf den heutigen Abend. Nur mit einem wird der ehemalige Hobbyfußballer nicht rechnen dürfen: mit seiner Einwechselung.

© SZ vom 11.08.2012
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