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Unterwegs im Landkreis Ebersberg:Rücksicht auf Hase, Reh und Kiebitz

Kiebitzgelege bei Grafing

Gut getarnt ist das Gelege des Kiebitzes im niedrigen Bewuchs eines Feldes, die Küken verlassen kurz nach dem Schlüpfen das Nest.

(Foto: Grünebach/oh)

Naturschützer, Jäger und Forstleute appellieren an das Verantwortungsgefühl der Menschen, die in der Zeit der Ausgangsbeschränkung mehr als sonst draußen unterwegs sind. Wer Wildtiere nicht stören will, soll auf Wegen bleiben und Hunde an der Leine halten

Wer daran gewöhnt ist, draußen auf den Feldern allein zu sein, der muss sich in diesen Tagen ein wenig umstellen. Auf Straßen wechseln entgegenkommende Menschen rasch den Bürgersteig, im Supermarkt verschwinden sie panisch hinter der nächsten Regalreihe, um jeden Kontakt zu vermeiden. Auf manchen Feldwegen aber, die gefühlt normalerweise zweimal im Jahr einen Jogger sehen, gilt es jetzt, Spaziergängern auszuweichen, die familienweise nach Luft und Abwechslung vom Zuhausesitzen suchen. Für die umgebende Fauna kann das zum Problem werden - wenn sich Frischluftsucher nicht "angepasst" verhalten, wie Benedikt Sommer sagt.

Der neue Vorsitzende der Ebersberger Kreisgruppe des Landesbunds für Vogelschutz ist schon qua seines Amtes viel draußen und sagt: "Ich freue mich eigentlich, wenn Leute in der Natur unterwegs sind, die das sonst nicht tun. Denn man schätzt nur, was man kennt." Und die überwiegende Mehrheit verhalte sich auch "sehr diszipliniert" und halte sich an die Wege - was vor allem für Bodenbrüter wie Lerche oder Kiebitz wichtig ist, die bereits ihre Gelege ausbrüten. Tatsächlich ließen sich Kiebitze - die seit drei Jahren in einem landkreisweiten Projekt betreut und gefördert werden - von Spaziergängern auf den Wegen nicht stören, so lange keine Hunde frei herum liefen, erklärt Klaus Grünebach. Der Vorsitzende der BN-Ortsgruppe Grafing hat auf Feldern in seinem Betreuungsgebiet bereits einige Nester mit Bambusstäben abstecken können, so dass Bauern gewarnt werden, die mit ihren Maschinen auf die Felder fahren. Eigentlich hätte der Bund Naturschutz Grafing ja eine Schulung für Hundebesitzer abhalten wollen, um sie auf die Nester der Kiebitze und anderer Bodenbrüter aufmerksam zu machen erzählt er - sogar einen seltenen Flussregenpfeifer gebe es in der Nähe des Spazierwegs zwischen Gsprait und Gasteig. Die Hunde-Schulung musste coronabedingt abgesagt werden, dennoch sagt Grünebach: "Ich bin von der Disziplin der Spaziergänger positiv überrascht."

Ganz anders aber die Beobachtung von Emmeran Königer junior. Der Landwirt und Jäger aus Landsham, der auf einer mehrere Hektar großen Fläche in der Nähe des Familienbetriebs Dam- und Rotwild für die eigene Schlachtung und zum Verkauf im Hofladen hält, beklagt das Verschwinden der Rehe von den Feldern rings um den Ort. Ohnehin sei der Bestand der Feldrehe, die hier ansässig waren, in den vergangenen Jahren von 43 auf elf zurückgegangen. "Davon habe ich keines geschossen", erklärt er. Die Tiere seien entweder dem Verkehr oder aber Hunden zum Opfer gefallen, die in den Feldern frei laufen durften. Jetzt aber seien die Wege zwischen Landsham und Poing so voller Spaziergänger, dass sich die Rehe komplett verkrochen hätten. Der Naturschutzwächer und Vorsitzende der Plieninger Ortsgruppe des Bund Naturschutz, Franz Höcherl, hat ähnliche Beobachtungen gemacht, wenn er sich auch mehr um die Bodenbrüter als um die Rehe sorgt. Eine Ausgleichsfläche bei Poing-Süd habe man inzwischen einzäunen müssen, um sie vor Menschen mit Hunden zu schützen, sagt er. "Durch Corona ist die Zahl der Fußgänger hier explodiert". Die meisten hielten sich zwar auf den Wegen, sagt auch er, aber es gebe immer wieder vereinzelt Unvernünftige, die ihren Hunden Spielgeräte in die Wiesen würfen. Im Schwabener Moos etwa, wo es vor einigen Jahren eine Kontroverse zwischen Vogelschützern und Hundebesitzern gegeben hatte, sei inzwischen zu beobachten, dass sich die Hundebesitzer an die aufgestellten Schilder hielten. Prompt habe der Vogelschutzbund in diesem Jahr bereits drei Kiebitznester finden und abstecken können. "Man muss Verständnis haben für die Leute, die raus wollen. Es ist alles gut, wenn sie auf den Wegen bleiben."

Diesem Appell schließt sich auch der Forstbetriebsleiter der Bayerischen Staatsforsten Wasserburg Heinz Utschig an. Er ist zuständig für den Ebersberger Forst und sagt: Wildtiere wüssten ganz genau, auf welchen Wegen Jogger oder Spaziergänger vorbei liefen. Wildschweine, die bereits ihre Ferkel zur Welt gebracht haben, zögen sich in ihre Dickung zurück, ähnliches gelte für Rehe, die ihre Kitze erst Mitte, Ende Mai setzten, jetzt aber Ruhe bräuchten, um Kraft zu sammeln. "Die kennen die Hauptachsen durch den Wald genau, das ist für das Wild berechenbar." Wirklich störend seien dagegen "Schwammerlsucher" oder Jogger, die nachts mit Stirnlampe unterwegs seien. Ohnehin solle, wer die Natur genießen wolle, die Dämmerung meiden, wenn die Tiere zur Nahrungsaufnahme heraus träten. "Das ist dann wirklich eine Störung, und die ist am schädlichsten." Außerhalb des Waldes, da stimmt Utschig Emmeran Königer zu, wo die Feldflur jetzt noch leer und ohne Deckung sei, sehe die Sache freilich anders aus. Die Tiere könnten schon von weitem sehen, wenn sich Menschen näherten, was dann besonders Rehe zum Flüchten bringen könne. Ein Fuchs oder ein Hase werde sich erst einmal in eine Furche ducken und erst weglaufen, wenn ein Hund wirklich zu nahe kommt - "für die kleinen Märzhasen aber ist ein freilaufender Hund wirklich eine Gefahr".

© SZ vom 04.04.2020
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