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Umgang und Vorbeugung:Man muss nur alt genug werden

Demenzwoche - Schneider, Gnahn

Fordern bessere Palliativ-Ausbildung: Hans Leonhard Schneider, Vorsitzender des Ebersberger Christophorus Hospizvereins, und der Neurologe und Vorsitzende der Ebersberger Alzheimer-Gesellschaft, Hans Gnahn.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Durch den demografischen Wandel wird es künftig immer mehr hochbetagte Menschen geben, die an Demenz leiden. Verschiedene Maßnahmen können dem Gedächtnisschwund vorbeugen. Eine Themenwoche widmet sich der Tragweite dieser Krankheit

Es gibt da einen Spruch, der lautet: Man muss nur alt genug werden, dann wird jeder einmal dement. Daran scheint viel Wahres. So ist der Großteil der Demenzpatienten des Neurologen und Vorsitzenden der Ebersberger Alzheimer-Gesellschaft, Hans Gnahn, mehr als 80 Jahre alt. "Zum ersten Mal gibt es mehr ältere als jüngere Menschen auf der Welt - und dabei sind die über 80-Jährigen die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe." Die Entwicklung ist klar: Die Zahl der von Demenz betroffenen Menschen wird stark zunehmen. Mit der Tragweite der Gedächtniskrankheit beschäftigt sich von diesem Montag an bis zum 13. März das Katholische Kreisbildungswerk in Zusammenarbeit mit der Caritas, dem Landratsamt, der Alzheimer-Gesellschaft und dem Netzwerk "Generation 55 plus" in einer Themenwoche.

Von einer Demenzerkrankung spricht man, wenn "der Betroffene Alltagsfähigkeiten nicht mehr wie gewohnt ausführen kann und es keine anderweitige medizinische Erklärung dafür gibt", sagt Hans Gnahn. Eine genaue Abgrenzung ist jedoch kaum möglich. "Alle Organfunktionen nehmen mit zunehmendem Alter langsam ab. Das Gehirn ist auch ein Organ und altert deshalb ganz genauso", erklärt er weiter. Ein normaler Vorgang also. Es ist ein fließender Übergang, bis der Alltag so erheblich beeinträchtigt wird, dass der Gedächtnisschwund eine Krankheit ist. Neben dem Altern können die Ursachen auch Defizite der Blutgefäße sein, die oft einen Schlaganfall auslösen. Vaskuläre Demenz nennt man diese Form - nach Alzheimer die zweithäufigste. Manchmal begründet das Nachlassen der Gehirnleistung aber auch eine schwere Depression. Die genaue Ursache können Ärzte durch aufwendige neuropsychologische Tests herausfinden. Bei dem Verdacht auf eine Depression ist das wichtig, denn eine solche ist im Gegensatz zu einer Demenz heilbar.

Trotz allem kann man der Erkrankung durchaus vorbeugen. Die Risikofaktoren entsprechen denen für Herzerkrankungen, beispielsweise Bluthochdruck oder Diabetes, aber auch das Rauchen fällt darunter. Daneben mindern ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und viel Bewegung das Risiko, vor allem jedoch geistiges Training. Bereits jedes Jahr, das man länger eine schulische Ausbildung erfahren hat, wirkt sich laut Hans Gnahn positiv darauf aus, in welchem Alter die Krankheit diagnostiziert wird. "Natürlich kann auch die Universitätsprofessorin an Demenz erkranken, aber in der Regel dann erst in einem sehr fortgeschrittenen Alter." Neben diesen vorbeugenden Maßnahmen gibt es bisher kein Medikament, das den Krankheitsverlauf stoppen oder heilen kann. Deshalb ist es Gnahn wichtig, dass Betroffene dieselbe medizinische Versorgung erhalten wie Menschen mit anderen unheilbaren Krankheiten. Das Schlüsselwort lautet hier Palliativmedizin: Solche Therapiemöglichkeiten sollen die Lebensqualität verbessern und Krankheitsleiden lindern, wenn beim Patienten keine heilende Behandlung mehr anspricht. "Das kann auch eine Chemotherapie sein", erklärt Hans Leonhard Schneider. Er ist Vorsitzender des Ebersberger Christophorus Hospizvereins und weit über den Landkreis hinaus als Arzt und Experte in der Palliativmedizin bekannt. Und trotzdem: Bei der palliativen Versorgung von Demenzerkrankten, "da hapert's, und zwar gewaltig", urteilt Schneiders Kollege Gnahn.

Laut Schneider haben mehr als 80 Prozent der Menschen in ihrem letzten Lebensjahr Schmerzen. "Die Versorgung mit Schmerzmedikamenten ist dabei bei einem Nicht-Dementen dreimal so hoch wie bei einem Demenzkranken", sagt Schneider. Bei einer fortgeschrittenen Demenz reagiere der Patient auf Schmerzen ähnlich einem Kleinkind: Er wird unruhig oder schreit. Sein Leiden sprachlich artikulieren, "das kann er nicht mehr". Schneider ist der Meinung, dass daran häufig nicht gedacht wird. Dabei ist es ihm wichtig, das nicht als Vorwurf an ärztliche und pflegende Kräfte zu verstehen. Für den Impuls "hoppla, jetzt müssen wir auch einmal einen Palliativmediziner dazu holen", wie es Schneider nennt, braucht es ein dementsprechendes Know-how, das erst ausgebildet werden müsse.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat der Gesetzgeber laut Gnahn und Schneider bereits Weichen gestellt: Zukünftig soll es in jedem Pflegeheim einen sogenannten Palliativversorger geben. Dazu ist eine Ausbildung für die Pflegekraft notwendig. Das Problem dabei ist, dass es dafür zu wenig Personal gibt. "Wir müssen das Ansehen und die Bezahlung der Pflegeberufe aufwerten, damit wieder mehr Menschen in diesen Berufen arbeiten möchten", sagt Gnahn. Denn nur mit mehr Pflegekräften, die dann entsprechend ausgebildet werden, kann auch eine bessere Palliativversorgung von Demenzpatienten sichergestellt werden. "Die Gesellschaft muss sich darauf einstellen, dass immer mehr Menschen an Demenz erkranken werden", sagt Schneider. Und das kann sie, da sind sich die beiden Mediziner sicher.

Die Themenwoche Demenz wird an diesem Montag, 6. März, von Landrat Robert Niedergesäß um 19 Uhr im Ebersberger Landratsamt eröffnet. Es folgt ein Vortrag der Autorin Helga Rohra, die selbst an Demenz erkrankt ist. Über "Demenz und Palliativversorgung" spricht Hans Leonhard Schneider am 9. März ab 19.30 Uhr in der Ebersberger Kreisklinik. Das gesamte Programm findet sich unter www.kbw-ebersberg.de

© SZ vom 06.03.2017
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