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SZ-Serie: Das erste Jahr:Friede, Freude und Ergebnisse

Claudia Streu-Schütze Bürgermeisterin Emmering

Claudia Streu-Schütze ist als Bürgermeisterin von Emmering zwar eine Quereinsteigerin, macht die mangelnde Erfahrung aber mit akribischer Vorbereitung mehr als wett.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Seit Claudia Streu-Schütze in Emmering den Chefsessel übernommen hat, ist der Ort kaum wiederzuerkennen. Der jahrelange Streit im Gemeinderat ist vorbei, die Arbeit im Rathaus so harmonisch wie effektiv

Von Jörg Lehne

In Emmering weht ein frischer Wind. Lange ist es her, dass die Gemeinderatsarbeit ohne Reibereien abging, doch nun hört man Worte wie "harmonisch", "gute Stimmung" und sogar: "Spaß". Das liegt vor allem an der neuen Bürgermeisterin Claudia Streu-Schütze.

Unter ihrem Vorgänger Max Maier hatte ein eingefahrener Streit zwischen den Gemeinderäten und dem damaligen Bürgermeister die Verwaltungsgeschäfte bestimmt, es war ordentlich Sand im Getriebe der Gemeinde. Seinen Höhepunkt fand der Zwist vor drei Jahren, als dem Rathauschef vom Gemeinderat einstimmig das Vertrauen entzogen wurde. Trotzdem blieb Max Maier im Amt.

Nun ist es etwas mehr als ein Jahr her, dass Emmering im Südosten des Landkreises bei den Kommunalwahlen einen Neustart gewagt hat und mit der Gemeinde auch ihre neue Bürgermeisterin. Die Wahl war in dreifacher Weise bemerkenswert, denn Streu-Schütze (FWG Emmering) ging bereits aus dem ersten Wahlgang als Siegerin hervor und wurde damit die erste Frau an der Rathausspitze. Zudem hatte die Kandidatin keinerlei politische Erfahrung, eine Newcomerin. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Amtssessel, auf dem sie jetzt sitzt, anfangs nicht so richtig passen wollte. Aber "man rückt sich den Stuhl zurecht", sagt Streu-Schütze.

Ganz grün hinter den Ohren war die neue Bürgermeisterin bei ihrem Amtsantritt indes doch nicht. Schon bevor das Wahlergebnis feststand, hatte sie einen Kurs zur Vorbereitung belegt. Den Tipp, sich frühzeitig darum zu kümmern, hatte sie von einem Nachbarn bekommen. "Das war ein Glück", sagt Streu-Schütze, denn kurze Zeit später war sie im Amt - und die gesamte Bundesrepublik im ersten Corona-Lockdown. Ohnehin schon neu in ihrem Tagesprogramm: Wasserrecht, Vergaberecht und kommunale Haushaltsplanung; jetzt auch noch Homeschooling für ihre damals neunjährigen Tochter. Zudem ist der Rathausvorsitz in Emmering nur ein Nebenamt. Hauptberuflich führt Streu-Schütze die Bücher des Familienbetriebs, einer Gartenbaufirma. Mehr als ein Mensch alleine schaffen kann.

Noch ein Glück also, dass sie nicht alleine ist. Dank Hilfe aus der Familie war schnell für die Betreuung der Tochter gesorgt, und auch als Bürgermeisterin kann Streu-Schütze auf Rückhalt zählen. Emmering ist in die Verwaltungsgemeinschaft Aßling eingegliedert, über deren Unterstützung sie sich sehr dankbar zeigt: "Ich bin sehr herzlich aufgenommen worden."

Gespräche mit ihren Kollegen aus dem Gemeinderat lassen aber keinen Zweifel daran, dass Streu-Schütze auch alleine bestens zurechtkommt. Wie schon vor dem Amtsantritt glänzt die neue Rathauschefin bis jetzt durch ihre Vorbereitung. Beschlüsse und Sitzungsvorlagen seien stets sehr gut verfasst, sagt Max Maier (Grüne, nicht identisch oder verwandt mit dem ehemaligen Bürgermeister). Sitzungen, die früher schon mal bis Mitternacht gedauert haben sollen, endeten daher heute in der Regel schon um zehn, berichtet Johannes Veicht (Freie Wähler). Und sein Kollege Thomas Bayer (CSU) stimmt in das Lob ein: Es gehe wieder harmonisch zu, wenn der Gemeinderat im Landgasthof Bruckhof tagt.

Als dies noch anders war, staute sich im Gemeinderat nicht nur dicke Luft, es reihten sich auch unerledigte Vorhaben. Seit Jahren waren etwa keine neuen Baugebiete ausgewiesen worden, wie Streu-Schütze sagt. Die Pläne zum Friedhofsausbau seien liegen geblieben und mangelnde Kitaplätze sind heute ein ernstes Problem. Die neue Bürgermeisterin sucht die Schuld jedoch nicht bei ihrem Vorgänger: "Wichtig ist es jetzt, nach vorne zu schauen."

Die ersten Ergebnisse folgten bald. Die Gemeindeverwaltung will in das alte Raiffeisengebäude umziehen. Es galt nur noch, über den Umbau des alten Rathauses zu entscheiden. Der Beschluss dazu fiel in einer einzigen Gemeinderatssitzung, und das so schnell, dass man sich nur die Augen reiben konnte. Grund für die Entscheidungsfreudigkeit des Gremiums war, dass die Bürgermeisterin eine Sondertagung einberufen hatte, in der Fragen und Diskussionen bereits im Voraus geklärt werden konnten, erklärt Josef Stellner (FW).

Mit Nachdruck soll nun auch die Planung neuer Wohngebiete vorangetrieben werden, denn in Zukunft sei mit stärkerem Zuzug zu rechnen. Während im Ortsteil Schalldorf womöglich schon bald mit der Ausarbeitung des Bebauungsplans begonnen werden kann, schleppt sich die Erschließung des Wohngebiets in Emmering Nordwest aber noch dahin. So auch die Planungen für eines neuen Gewerbegebiet in Bruckhof.

Andere Fragen sind noch nicht abschließend geklärt. Die Genehmigung für den Friedhofsumbau liegt seit 2007 vor. 14 Jahre lang ist nichts passiert. Trotzdem ist Streu-Schütze noch zögerlich: "Der Plan von 2007 sieht vor allem Erdbestattungen vor." Seitdem habe sich der Bedarf aber geändert. Favorisiert würden nicht mehr Erdbestattungen, stattdessen gehe der Trend zu Feuerbestattungen und anonymen Gräbern. Das müsse in die neue Planung miteinbezogen werden. Am Ende aber, so wünscht es sich die Bürgermeisterin, soll es ein Rückzugsort für die Bürger von Emmering werden, ein "Platz der Ruhe".

Bleibt noch das allgegenwärtige Problem mangelnder Kitaplätze. 2025 sollen Grundschulkinder einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung erhalten. Die Plätze müssen die Kommunen zur Verfügung stellen. Der Druck steigt also. Umso bedauerlicher daher, dass der Bau des geplanten Waldkindergartens vorerst zurückgestellt werden musste, da sich kein Träger finden ließ. "Das bereitet vielen Gemeinden derzeit Probleme", so Streu-Schütze. Vielleicht bietet jedoch das alte Rathaus einen Ausweg. Nahe bei der Grundschule gelegen, könnte das ehemalige Amtsgebäude womöglich bald Raum für Kindergarten und Hort bieten.

Es ist also noch lange nicht alles erreicht, doch das ist nach einem Jahr auch kaum verwunderlich. Das Wichtigste sei, sagt Stellner, dass die Verwaltung wieder von sicherer Grundlage aus Ergebnisse schaffen könne. Sein Fazit: "Samma zufrieden". Und Streu-Schütze selbst hat ihre Entscheidung nicht bereut. Ob sie schon ausgelernt hat? "Nein, man lernt jeden Tag dazu. Ein Amtskollege hat mir gesagt, die ersten sechs Jahre seien Lehrjahre," sagt sie und muss trotz dieses Ausblicks lachen.

© SZ vom 21.06.2021
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