bedeckt München 19°

Steinhöring:Schiff Ahoi!

Der Einrichtungsverbund Steinhöring ermöglicht jedes Jahr Mitarbeitern seiner Werkstätten, an begleiteten Segeltörns der Bayerischen Friedensflotte teilzunehmen

Von Annalena Ehrlicher, Steinhöring

"Grundsätzlich stehen Rollstühle auf Katamaranen stabiler - aber manche Leute genießen das Gefühl, wenn sich ein Boot so richtig zur Seite neigt." Und das hat man nur auf einem Segelboot.

Und das geht? "Wenn der sportliche Anspruch da ist, geht alles", sagt Franz Wallner vom Einrichtungsverbund Steinhöring. Der 61-Jährige wirkt ständig so, als wolle er die Ärmel hochkrempeln und gleich wieder in See stechen. Dabei ist es noch keine zwei Wochen her, dass der Hobbysegler von einem Segeltörn der Bayerischen Friedensflotte zurückgekehrt ist, den er begleitet hat. Dabei waren erwachsene Besucher des Einrichtungsverbunds Steinhöring, Menschen mit einer Behinderung also, die sonst keine Chance auf ein derartiges Urlaubserlebnis hätten.

Das Besondere an den Segeltörns ist, dass jeder mit anpacken muss, ganz gleich ob eine Gruppe von Jugendlichen unterwegs ist, denen der Sinn eher nach Feiern steht, oder Erwachsene, die das geruhsame Dahingleiten auf dem Wasser und ein Kulturprogramm schätzen. Doch in der gemeinsamen Zeit auf dem Wasser "wachsen die Teilnehmer über sich hinaus", erzählt Wallner. "Wenn ich zu jemandem sage, er soll auf die Gangway gehen, dann geht das plötzlich, wenn wir das hier üben würden - keine Chance."

Auf dem Schiff gibt es zahllose Aufgaben, die es zu erledigen gilt: Vom täglichen Wetterbericht über das Führen des Logbuchs bis hin zur Überprüfung der Sicherheitsausrüstung. "Dazu kommt, dass wir regelmäßig Übungen machen", sagt Wallner, der seit Anfang der 80er Jahre passionierter Segler ist. Das schnelle Anziehen von Schwimmwesten gehört dazu, auch die richtige Reaktion für den Fall, dass etwas über Board geht. "Auf dem Schiff läuft einfach vieles anders. Man hat veränderte Lebensrituale und bewältigt vieles in der Gruppe." Nach zwei Tagen weiß die Crew an Board, was für Fähigkeiten jeder Einzelne hat, und worauf man eher Rücksicht nehmen muss. Auch körperlich anstrengende Aufgaben erledigen die Teilnehmer, beispielsweise das Festmachen an der sogenannten Mooring, einer Kette zum Anhängen von Booten. Ein junger Mann erzählt stolz: "Da braucht man viel Kraft - deshalb mache das ich." Ein anderer Teilnehmer, der gerade von der Frühlingsflotte zurückgekehrt ist, schwärmt vom "Buchteln": Nachts halten die Schiffe in Buchten oder kleineren Häfen. Auch zum "Abwettern", also zum Aussitzen eines Gewitters, ankern sie sicher. "Wunderbar ruhig", sei es da. "Ich werde viel als Funker eingesetzt", erzählt er.

Der organisatorische Aufwand ist immens, auch wenn Wallner und seine Kollegen mit anderen Lokalverbänden wie der Friedensflotte Salzburg zusammenarbeiten. Viele der österreichischen Teilnehmer haben körperliche Behinderungen oder Krankheiten wie Multiple Sklerose. Nun ist das Zusammenrücken auf einem Schiff an sich schon eine Herausforderung", sagt Wallner. "Viel Platz ist da nicht", fügt er hinzu. In einer Koje können zwar zwei Menschen gleichzeitig schlafen - aber nicht gleichzeitig stehen. "Das ist schon manchmal spannend." Da werden primäre menschliche Bedürfnisse und Gefühle berührt: "Nähe, Distanz, Ekel, Angst - wenn man eine Woche auf so engem Raum zusammen ist, durchläuft man natürlich alles." Dann reagieren Menschen mit Körperbehinderungen anders auf manche Situationen als Menschen mit psychischen Behinderungen. So sei, erklärt Wallner, eine Woche genau die richtige Dauer für solch einen Törn, sowohl im Hinblick auf die körperlichen Anstrengungen als auch auf die Finanzen. Die Besucher der Steinhöringer Werkstätten sparen das ganze Jahr über für ihre Urlaube. Wallner erzählt erfreut, dass viele Unternehmen das Projekt unterstützen: Bayerische Charterfirmen für Boote geben Sonderkonditionen, eine Bäckerei spendet Brötchen, ein Metzger Meterwürste. Nach Freiwilligen, die sich beteiligen wollen, sucht der Einrichtungsverbund ständig. Mit auf den Booten sind sozialpädagogische Fachkräfte, Feuerwehrleute und Ärzte - alle ehrenamtlich.

Friedensflotte

Die Friedensflotte "Mirno More" wurde 1992 als Signal gegen den Jugoslawienkrieg ins Leben gerufen. "Mirno More" ist ein Seefahrergruß in Dalmatien und bedeutet sinngemäß "friedliches Meer." Die Initiative gehört zu den größten Friedensprojekten der EU, und ist das größte Segelprojekt für sozial benachteiligte beziehungsweise körperlich oder psychisch behinderte Kinder und Jugendliche. Mehr als 20 Nationen nehmen daran teil. Im Herbst starten mehr als 100 Schiffe, um eine Woche lang unter der Friedensfahne zu segeln. Die Friedensflotte Bayern hat sich aus dem Projekt entwickelt. Inzwischen machen die bayerischen Verbände zirka zehn Prozent der Teilnehmer aus. Seit 2002 beteiligt sich der Einrichtungsverbund Steinhöring. Erklärte Ziele sind die Förderung von Toleranz, Integration und einem friedlichen Miteinander. Die Bayerische Friedensflotte bietet Segeltörns seit 2010 auch für Erwachsene mit psychischen und körperlichen Behinderungen an. ehrl

Den Teilnehmern bleiben am Ende nicht nur die schöne Erinnerung und die neuen Kontakte, die per Mails und Postkarten aufrechterhalten werden, sondern auch der Kick fürs Selbstbewusstsein. "Auf den Schiffen sehen wir, wie es sein könnte", sagt Wallner lächelnd. Alle haben die selben Möglichkeiten, jeder leistet, was er kann. Was für ein Modell.

© SZ vom 02.07.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite