bedeckt München
vgwortpixel

Serie: Ungewöhnliche Glocken und ihre Geschichte:Attraktion für die Innenstadt

In Freising haben die Domglocken Konkurrenz bekommen. Vom Rathausturm ist seit dem 21. Dezember 2012 zweimal am Tag ein Glockenspiel zu hören. Komponiert hat das Zwei-Minuten-Stück Philipp Weigl

Sechs Meter auf der wackligen Leiter trennen den Besucher des Freisinger Rathausturms vom Dachboden-Boden und nur wenige Zentimeter von den 19 Glocken. In ein paar Minuten wird die automatische Steuerung die ersten Magnetschlaghämmer in Bewegung setzen, deshalb schnell wieder hinunter. Bis in den Schrebergarten seiner Mutter sei die Melodie zu hören, hat Komponist Philipp Weigl eben noch gesagt. Vor drei Jahren haben die Glocken zum ersten Mal vom Rathausturm seine Melodie gespielt. Aber oben im Glockenturm war Weigl bisher auch noch nicht.

Schon im 14. Jahrhundert hingen Glocken im Rathausturm. Auf dem Weg hinauf kommt man an den Überresten des früheren Glockenspiels vorbei: an dem Uhrenschrank im ersten Stock, an einem verbogenen und verrosteten Metallgestänge im Dachboden. Die neuen Glocken waren als Geschenk für Alt-OB Dieter Thalhammer, als Attraktion für die Innenstadt gedacht - und als bürgerliches Pendant zu den Domglocken, dem ältesten erhaltenen Renaissancegeläut der Welt.

"Glocken haben einen besonderen Reiz. Ihr Klang hat etwa sehr Verbindendes", sagt Weigl. "Das ist mir aber auch erst während dieser Arbeit richtig bewusst geworden." Der Klavierlehrer und Musikpädagoge hat den Kompositionswettbewerb gewonnen, den der Freisinger Stadtrat ausgeschrieben hatte, um die Werke der Passauer Glockengießerei Perner unverkennbar erklingen zu lassen: Die Melodie sollte einen hohen Wiedererkennungswert und einen historischen Bezug zur Domstadt haben und maximal zwei Minuten dauern.

Seit dem 21. Dezember 2012 erklingt Weigls Komposition um fünf vor zwölf und um fünf vor fünf. Und an diesem Dezembertag hat genau genommen auch selbst der Komponist seine Melodie zum ersten Mal gehört. Denn weder das für das Komponieren verwendete Klavier noch das Notensatzprogramm ähneln der komplexen Besonderheit des Glockenklangs. Der Grundton der Glocke ist kein realer Ton, sondern ein sogenanntes psychoakustisches Phänomen: Wir hören den Ton einer Glocke nicht, wir empfinden ihn nur. Das, was wir hören, ist mit der Stimmgabel nicht messbar, weder an der Glocke noch im Ohr. Im Buch "Glocken in Geschichte und Gegenwart" des Glockenexperten Gerhard Wagner steht: Nur ein geschultes musikalisches Gehör könne die Vielschichtigkeit des Glockenklangs erahnen oder erkennen. "Der unbefangene Hörer bezeichnet den Klang der Glocke als einzelnen Ton. " In festen Frequenzverhältnissen sorgen dazu die Obertöne für die Klangfarbe. Bei der Glocke sind das Oktav, Quint und kleine Terz - und nicht wie bei allen anderen Instrumenten eine große Terz. Die mathematische Gesetzmäßigkeit dieser musikalischen Intervalle hatte schon Pythagoras berechnet. Der Legende nach gaben die unterschiedlichen Klänge von Schmiedehämmern den Anstoß für seine grundlegende musiktheoretische Berechnung. Auch der Freisinger Barock-Komponist und Hofkapellmeister Rupert Ignaz Mayr kannte diese Legende. Mayrs sieben Suiten "Pythagorische Schmids-Füncklein", "dem durchleuchtigsten Fürsten" Max Emanuel 1692 "unterthänigst dedicirt und componiert" sind Freisinger Ohren wohl vertraut und das Rondo aus der Suite 7 hat Weigl in seine Melodie integriert.

Die Klänge der "Bürgerglocken" dringen 200 Meter weit bis in Mutter Weigls Schrebergarten, aber nicht mehr schnurgerade hinab bis ins Bürgerbüro im Stauberhaus. Hier treffen die Belange von Gewerbe-, Fund- und Einwohnermeldeamt aufeinander, zu groß ist das Stimmengewirr. Genau gegenüber, im Bankhaus Sperrer, sind die mittäglichen Klänge vom Rathausturm Signal für diejenigen, die Teilzeit arbeiten, allmählich den Schreibtisch aufzuräumen. In der Touristinformation schräg gegenüber fragen zuverlässig zwei Mal täglich Interessierte, was genau denn da gespielt wird. Beim "Kasdandler" nebenan greift Mitarbeiterin Martina Lang mit den Glockenschlägen zur Frischhaltefolie: "Unter der Woche kurz vor fünf, am Samstag kurz vor 12. Dann geht's los. Dann wickle ich die Käse neu für den nächsten Tag ein." Durch das Schaufenster ihres Tee-Paradieses sieht Ursula Pöller die Menschen plötzlich stehenbleiben, auch die Einheimischen. Das sei nicht vergleichbar mit dem traditionellen Münchner Auflauf, aber dennoch: "Sie nehmen den Platz intensiver wahr." Das Zwei Minuten-Stück weht auch noch weiter die Untere Hauptstraße hinab. Wenn auf Nummer 27 - bei höheren Außentemperaturen - die Tür der Hofapotheke offen steht, freut sich Apotheker Ludwig Lettenmayer über die Melodie: "Alles was positiv ist, ist gut für die Innenstadt."

In der Folge am Dienstag: die Glocken der Bayerischen Staatsoper