Schau Essenzielles neu gesehen

Die Künstlergruppe um Sati Zech aus Berlin stellt beim Ebersberger Kunstverein aus. Vernissage ist an diesem Freitag

Von Rita Baedeker, Ebersberg

Wenn es um die eigene Haut geht, ist der Mensch verwundbar. Die Haut ist Kleid und Hülle, Schutz, Rüstung, Haus und Zierde. Die elf Künstler und Künstlerinnen der Gruppe "Sati Zech und Schüler" befassen sich in ihrer Ausstellung "Essentials", die an diesem Freitag in der Galerie des Kunstvereins Ebersberg eröffnet wird, mit jenem verletzlichen Gehäuse, das die Außengrenzen des Körpers bewacht.

"Alle Arbeiten haben etwas mit dem Körper zu tun", sagt Petra Steeger, eine der Künstlerinnen. Ob Fotografie, Zeichnung, Klebeband oder Stickerei, ob Schmuck aus Pattex, Blech, Blei oder Segeltuch: Die verschiedenen Materialien und Techniken versinnbildlichen das Grundbedürfnis des Menschen nach Schutz und Geborgenheit.

Stolz auf die Ausstellung sind: die Künstlerinnen Geraldine Frisch, Felicitas Hoess-Knahl, Kira Fritsch, Petra Steeger.

(Foto: Christian Endt)

Die auf einem Podest stehenden Hausmodelle aus schwarzem Blei von Nina Zeilhofer im Foyer verkörpern eine uneinnehmbare Festung, für das Leben draußen hat sie Manschetten, Kopfputz, Muff und Wadenschützer aus schwarzem Papier und Samt konstruiert. Wirkt martialisch. So ausstaffiert, kann einem nichts geschehen. Dagegen ist das "Leiterobjekt" aus Papier von Christine Reiter - die gerne in die Berge geht - alles andere als ein sicherer Halt in der Wand. Die von ihr bemalten, in Ämtern und Behörden teilweise heute noch kursierenden "Dienstkuverts" wirken mit ihren Schriftresten, Daten und Kürzeln, mit den nach oben geklappten Umschlägen ebenfalls wie Häuser. Für die Wichtig- und Nichtigkeiten des Büroalltags bilden sie eine schützende Hülle.

Der Körper als Sehnsuchtsort? Viel Raum für Fantasie lassen die genähten Lederwülste von Sati Zech.

(Foto: Christian Endt)

Petra Steeger, die Tierpräparate sammelt, schaut unter die Haut, sie seziert Landschaften und Körper. Das Fantasiebild einer Lunge aus der Serie "Flors aliens" (seltsame Blumen) hat sie auf Mesh Folie gedruckt und um Stickerei ergänzt. So wie bei der Serie der DDR-Wachtürme. Hier versinnbildlichen gestickte Sehnsuchtsmotive wie Palme, Windmühle, Meer und Pferd die ungelebten Träume der ehemaligen DDR-Bürger, während die Türme unbearbeitet blieben, die schaurige Realität damals, sie verblasst neben der Fantasie.

Was hält die Haut zusammen? Was befindet sich darunter? Die Ausstellung der Künstlergruppe dreht sich um das Thema Körper und Körperlichkeit.

(Foto: Christian Endt)

Von der Sehnsucht handelt auch die Arbeit von Felicitas Hoess-Knahl. Sie hat 150 Jahre alte Segel zu einem Objekt zusammengefügt. Innen ist der Stoff, dem man die Stürme, denen er trotzen musste, ansieht, purpurrot gefärbt, "das ist die Farbe der Könige und des Blutes", sagt sie. Mit ihrer Installation bezieht sie sich auf die Odyssee. Die Segel hat sie bei einem Restaurator gefunden, auf der Rückseite der Installation sind schwarze Schläuche drapiert; damit zitiert die literarisch bewanderte Künstlerin jenen Teil der Odyssee, in dem Aiolos, Herr der Winde, Odysseus einen Schlauch schenkt, um darin ungünstige Winde zu bannen. Ithaka ist bereits in Sichtweite, als die neidischen Gefährten, die darin einen Schatz vermuten, den Schlauch öffnen, während Odysseus schläft. Die Winde entweichen und treiben das Schiff zurück aufs offene Meer in die gefährliche Weite.

Fernes Idyll oder Symbol für Unterdrückung? Die stilisierten DDR-Wachtürme verblassen neben dem bunten Farbenmeer der gestickten Sehnsuchtsorte.

(Foto: Christian Endt)

Gegen die Gefahren der unergründlichen Ferne helfen enge Strukturen und Netze, die ein weiteres Symbol für Schutz und Geborgenheit darstellen. Bettina Paschke hat sich mit Tusche, Kugelschreiber, Klebeband, Wachs und Glas ausschließlich der Linie gewidmet, die sie verdichtet, wölbt, aber auch mal außer Rand und Band geraten lässt.

Für Kira Fritsch ist Schmuck eine Art imaginäre Rüstung. Sie schuf filigrane Ketten, Bustiers und exotische Behänge, indem sie zuvor gefertigte Skizzen mit Pattex-Stift nachzeichnete. Der Klebstoff wurde schließlich fest, wurde zum Korsett. "Ich wollte mit armem Material arbeiten, nicht mit Juwelen", sagt die gelernte Goldschmiedin. Eine Art Rüstung hat auch Matthias Neuthinger entworfen. Es ist dies allerdings eine Rüstung, die das zu schützende Leben zu ersticken droht. Seine Fantasie-Gliedmaßen sind fest mit rosafarbenen und braunen Verbänden umwickelt und eingequetscht. Eine Bedeutung des Wortes "essentiell" lautet übrigens "einschneidend". Das wird hier wörtlich genommen.

Zitiert die Odyssee: Felicitas Hoess-Knahls Installation aus 150 Jahre alten Segeln.

(Foto: Christian Endt)

Der zweite Mann der Gruppe, Helmut Aichele, bemalt weißes Metall mit rhythmischen Zeichen in roter Farbe. Mit diesen als Partitur oder Blindenschrift zu lesenden Graphen erweitert er das Thema Körper um den Aspekt der Kommunikation, die ebenfalls zu den essenziellen Dingen des Daseins gehört.

Kein Laut, keine Kälte durchdringt die fetten, mit Wachs und Öl getränkten Tücher, Lappen und Fliese von Mona Weiskopf im Obergeschoß. Für Lebewesen in den Polregionen ist Fett auf Haut, Fell und Federn ein überlebenswichtiger Schutz. Vielleicht auch für Menschen in einem Boot, wie Christa Nothhoff, fasziniert von der Linie im Raum, sie als fragiles Objekt und auf Papier geschaffen hat.

Der künstlerische Kopf der Gruppe ist Sati Zech. Sie sieht den Körper selbst als Sehnsuchtsort, in seiner Erotik, Leidenschaft und Kraft, welche die dicken roten Bollen auf Stoff und die genähten schwarzen Lederwülste verströmen. Hier verlässt der Mensch die Komfortzone, man könnte auch sagen: Er fährt aus der Haut.

Die Gruppe "Sati Zech und Schüler" besteht aus elf Künstlern und Künstlerinnen aus Deutschland und Österreich. Die Lehrerin, Sati Zech aus Berlin, studierte an der dortigen Hochschule der Bildenden Künste, sie ist Mitglied des Künstlerverbandes "Neue Gruppe" München und erhielt zahlreiche Preise und Stipendien.

Ausstellung "Sati Zech und Schüler" unter dem Titel "Essentials": Vernissage an diesem Freitag, 30. Juni, um 19 Uhr, in der Alten Brennerei im Klosterbauhof Ebersberg. Zu sehen bis 30. Juli, geöffnet Freitag 18 bis 20, Samstag und Sonntag, 14 bis 18 Uhr. Zur Finissage findet um 16 Uhr ein Künstlergespräch statt. Am 7. Juli gibt es "Kunst und Musik"