bedeckt München
vgwortpixel

Personalie:Vertraute und Motivatorin

Stefanie Tremmel ist seit 1. März im Einsatz.

(Foto: Renate Schmidt)

Stefanie Tremmel ist neue Leiterin des Erdinger Frauenhauses

Der wichtigste Gegenstand im Raum ist ein schwarzes Smartphone. Es liegt auf dem schlichten, weißen Besprechungstisch im Haus des Kreisverbandes des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Erding. Wenn das schwarze Handy klingelt, dann geht es meist um Schläge, um Vergewaltigung und um Psychoterror gegen Frauen. Das Smartphone ist das Diensthandy der Interventionsstelle des Frauenhauses Erding, das seit 1. März vom BRK geführt wird und vom Landkreis Ebersberg mitfinanziert wird. Um sieben Uhr an diesem Morgen hat es bereits geläutet. "Ich bin fünf Minuten vorher aus der Dusche gekommen", sagt Stefanie Tremmel. Die 26-Jährige ist die neue Leiterin des Frauenhauses, die gebürtige Deggendorferin will "Ansprechpartnerin für alle Belange" der Frauen sein. Auch schon am frühen Morgen.

Geduld zählt für sie zu den wichtigsten Eigenschaften einer Sozialarbeiterin. "Die Frauen wissen oft gar nicht, was sie sich trauen dürfen, zu wollen." Schließlich konnte die Situation bei ihrem gewalttätiger Ehemann oder Partner "beim kleinsten Fehler eskalieren", wie sie sagt. Die neue Leiterin des Frauenhauses und ihre beiden Kolleginnen wollen ihren Klientinnen dabei helfen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Durch die häusliche Gewalt seien die Frauen oft traumatisiert. Wenn man jahrelang keinen eigenen Wünsche äußern durfte, müsse man sich erst wieder daran gewöhnen. "Hilfe zur Selbsthilfe" nennt Tremmel ihr Konzept. Es kann bedeuten, dass Tremmel mit den Frauen vorher probt, wie sie ein Telefonat mit dem Arzt oder dem Jobcenter meistern können. Es kann aber auch nur den kurze Small-Talk meinen, der den Klientinnen ein gutes Gefühl gibt. Die Sozialarbeiterin wirkt jünger als die 26 Jahre, die sie alt ist. Wenn ihr etwas unangenehm ist, zieht sie den breiten, lilafarbenen Schal um ihren Hals höher ins Gesicht. Ein bisschen so, als wolle sie sich dahinter verstecken. Man läuft leicht Gefahr, die Niederbayerin zu unterschätzen. "Be cute, fight hard", hat sie sich auf ihrem Unterarm tätowieren lassen. Dazwischen erstreckt sich ein Dolch mit Flügeln. Im Frühjahr hat die 26-Jährige ihren Abschluss in Sozialer Arbeit gemacht. Neben Ausbildung und Studium hat sie bereits zehn Jahre als Erzieherin, später dann als Sozialarbeiterin gearbeitet. Fünf Jahre lang hat sie in Landshut eine Gruppe von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen geleitet. Traumatisierten Menschen zu helfen, war schon damals ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Die Arbeit mit Frauen, die Gewalt erlebt haben, ist allerdings neu für sie.

Wäre es nicht besser, sie hätte schon länger in diesem Bereich gearbeitet? Viel Erfahrung zu haben, bringe nicht nur Vorteile mit sich, sagt Tremmel: "Je länger ich in einem Betrieb arbeite, umso mehr kann ich zu Betriebsblindheit neigen." Dagegen bringe sie von der Uni die neuesten und "nützlichsten Methoden" mit. Zum Beispiel "ressourcenorientiert" mit den Klientinnen zu arbeiten. "Man muss der Frau zeigen, dass sie nicht nur Opfer ist, sondern auch Überlebende, die versucht, etwas zu verändern. Das ist auch ein Zeichen von Stärke."

© SZ vom 24.03.2018
Zur SZ-Startseite