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Neuer Gedichtband:Lyrik ohne Idylle

Wolfgang Oppler, Dichter

Wolfgang Oppler dichtet schon seit seiner Jugend. Seit drei Jahren lebt er in Ebersberg.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wolfgang Oppler aus Ebersberg gehört zum Kreis der Poeten um den Verleger Anton G. Leitner. Seinen neuen Gedichtband "Bärendreck und Blasmusik" hat er in "Basstubisch" verfasst

Von Christian Morgenstern ist folgender Spruch überliefert: "Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht." Manchmal ist es ein Gedicht, das die Sinne öffnet für Dinge, die so alltäglich und vertraut erscheinen, dass man sie nicht mehr bewusst wahrnimmt. Wolfgang Oppler ist ein Dichter, dessen Verse zuweilen diese Wirkung haben, Verse, die einer Lupe gleich das Geschaute scharf stellen, so dass es wie neu wirkt - und gleichzeitig entzaubert wird.

Wolfgang Oppler, Bart, warmherziger Blick, Nickelbrille, lebt seit drei Jahren in Ebersberg. Er gehört zum Autorenkreis um den Weßlinger Verleger Anton G. Leitner und dessen Zeitschrift "Das Gedicht" sowie zur Gilde der Münchner Turmschreiber. Seinen dichtenden Vorbildern Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner, Erich Mühsam und Robert Gernhardt steht er in punkto Wortwitz und wortschöpferischer Fantasie in nichts nach. Lautmalerisch und mit zuweilen beißender Ironie und Lakonie treibt er der Lyrik die Idylle aus. In seinem neu erschienenen Band "Bärendreck und Blasmusik" schreibt er: "Meine Gedichte sind nicht mit der Zielsetzung geschrieben, zur Lyra gesungen zu werden, sondern zur Basstuba. Folglich handelt es sich nicht um Lyrik, sondern um Basstubik."

Sein dunkler, sonorer Bass zieht sich durch Verse wie "Am Galgenberg" oder "Der Rabe redet über das Leben", in dem es heißt: "Das Leben kann oft tödlich sein, besonders gegen Ende, drum singt und springt und schwingt das Bein und klatscht in eure Hände." Opplers Gedichte handeln von Leben, Liebe und Tod, aber auch von Kässpatzen und Zwetschgenknödeln, von Flurleuchte und Notebook, Eisbach, Stachus und Isartor. "Ein Mädchen steht am Isartor / und hält das Handy an sein Ohr / draus krächzt ein Jüngling im Falsett / dass er jetzt eine andre hätt. / Das Mädchen nässt das Trottoir / mit seinen Tränen, rauft das Haar / und schluchzt, dass es ins Wasser geht / Ein nervenschwacher Greis erfleht / ein Ende des Gewimmers - Das Isartor sah Schlimmers."

Wolfgang Oppler ist in Rosenheim geboren und hat 30 Jahre lang als Syndikus in der Rechtsabteilung der Bayerischen Landesbank gearbeitet. Der Abschied, sagt der 60-Jährige, sei ihm nicht schwer gefallen. Gedichte schreibt er, seit er 15 ist. "Der Grund ist, ich war unmusikalisch. Während meine Freunde damals alle Bands gründeten, habe ich eben angefangen Gedichte zu verfassen."

In den Siebzigerjahren kam er in Kontakt mit dem Starnberger Verleger Friedel Brehm, der die bairisch-österreichische Mundartdichtung förderte. Brehm steckte sein Einkommen als Redakteur der Süddeutschen Zeitung in seinen Verlag. Um jungen Mundart-Autoren ein Forum zu bieten, gründete er 1969 die Literaturzeitschrift "Schmankerl". Brehm wollte sich damit von der "tümelnden" Heimatlyrik absetzen. Im "Schmankerl" veröffentlichte auch Oppler seine ersten Gedichte. Es war die Zeit, in der die Mundartliteratur auf einmal zahlreiche Anhänger fand. "Die Welle kam aus Österreich", sagt Oppler, "von Leuten wie H.C. Artmann und den Liedermachern, die Dialekttexte schrieben und sangen." Es gab zwei Strömungen: Das eine, das waren die konservativen Turmschreiber wie zum Beispiel Helmut Zöpfl. Das andere, das waren die "jungen Wilden" rund um Brehm. Irgendwann kam der Generationenwechsel. Nun sind beide Lager friedlich vereint unter der Turmhaube.

Opplers Talent fiel schon während der Schulzeit auf. Einmal, so berichtet er, habe er damit gehadert, am Ende eines Schuljahrs ein nagelneues Lyrikbuch wieder zurückzugeben. "Ich war sehr traurig, aber da sagte der Lehrer: 'Dieses Buch ist so abgegriffen, das müssen wir aus dem Verkehr ziehen' - und schenkte es mir."

Zunächst schrieb er Verse in Mundart. "Vaschdeggsdal" und "Fangamandl" hießen die ersten Bände. Im Jahr 2000 erschien sein Buch mit Weihnachtsgeschichten: "Ochsenschwanz und Eselsohren". Seit zehn Jahren ist er Mitglied der Turmschreiber und lange schon Hausautor der Zeitschrift "Das Gedicht". Er verfasst Kurzgeschichten und Puppentheaterstücke. Sein erster und einziger Versuch, einen Kriminalroman zu schreiben, indes scheiterte. "Im Verlag, dem ich das Manuskript geschickt hatte, hieß es, mein Roman treffe nicht den Nerv der Zeit. Naja." Ihn habe die Absage jedenfalls nicht arg getroffen.

Früher ist er häufig bei Lesungen aufgetreten, im MUC, in der Liederbühne Robinson oder im KEKK - "Kabarett und Engagierte Kleinkunst", das sich 1990 auflöste. "Ich habe die Erfahrung gemacht, viele Leute gehen beim Thema Lyrik in Abwehrhaltung, weil sie schwer Verdauliches erwarten. Mein Ehrgeiz ist, Lyrik zu schreiben, die überrascht und die verständlich ist", sagt Oppler. Dabei fällt es ihm schwer zu erklären, wie das mit dem Dichten funktioniert. "Ob ich in Mundart schreibe oder, wie bei dem neuen Buch, in Hochdeutsch, das entwickelt sich meist spontan aus dem Text und aus der Situation." Wo immer er ist, hat er sein Notizbuch dabei, in der S-Bahn, im Biergarten, im Café hält er Alltagsszenen fest, erfasst Drama und Komik, Erhabenes und Banales.

Am literarischen Genre Lyrik gefällt ihm, dass die Texte meist kurz sind. Darum hat er auf seinem Nachtkastl Robert Gernhardts gesammelte Werke liegen. Darin liest er vorm Einschlafen, wobei: Nicht mit allem, was der geschrieben hat, könne er etwas anfangen. Und nicht jedes Thema liege ihm. Als Bruno Jonas ihn einmal gefragt habe, ob er nicht etwas fürs politische Kabarett schreiben wolle, habe er abgelehnt. "Das können andere besser, das lasse ich lieber bleiben", sagt er.

Auf eine andere Aufgabe bereitet Wolfgang Oppler sich dagegen gerade akribisch vor: Demnächst wird er als Stadtführer in Ebersberg unterwegs sein. "Ich war baff, welche Menge an historischem Stoff es über die Kreisstadt gibt." Auch Lesungen möchte er anbieten, daher hat er Kontakt zum Bistro Artesano am Marienplatz aufgenommen, wo immer wieder Poetry Slams stattfinden. "Ich kann mir gut vorstellen, da mitzumachen."

Überhaupt: "Narrisch gut" gefalle es ihm in Ebersberg, sagt er. Die Umgebung, die Nähe zu den Bergen und zu Wasserburg, die ländlich-kleinstädtische Mischung. "Jeder Mensch, mit dem ich hier bisher zu tun hatte, redet Bairisch." Man könnte auch sagen: Basstubisch!

Das Buch "Bärendreck und Blasmusik" mit Gedichten von Wolfgang Oppler ist erschienen in der Edition "Das Gedicht" im Verlag Anton G. Leitner, ISBN 978-3-929433-32-6. Buchpremiere der Jahresschrift "Das Gedicht", Band 24, unter dem Motto "Der Heimat auf den Versen" ist am Donnerstag, 27. Oktober, um 20 Uhr im Münchner Literaturhaus. Unter anderem wird Oppler dort lesen. Karten gibt es unter (089) 291 93 427 und Reservix.

© SZ vom 28.09.2016
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