bedeckt München 17°
vgwortpixel

Nachruf:Trauer um Leslie Schwartz

Nachruf Leslie Schwartz (schwarz-weiß)

Leslie Schwartz, 1930 als Sohn ungarischer Juden geboren, verlor im Holocaust seine ganze Familie. Nun ist er im Alter von 90 Jahren in Florida gestorben.

(Foto: Christian Endt)

Der Zeitzeuge des Todeszuges ist im Alter von 90 Jahren verstorben

Immer wieder ist er zurückgekommen an den Ort, an dem er Schreckliches erlebt hat, den Ort, an dem er beinahe gestorben wäre, damals, im April 1945. "Es muss einen Grund geben, warum ich überlebt habe. Vielleicht um das zu tun, was ich jetzt mache", sagte er mehr als 70 Jahre später, als er Schülern von den Schrecken des Holocaust und vom Halt des Todeszugs in Poing, bei dem er selbst angeschossen wurde, erzählte. Dass die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht verblasst, das war Schwartz im hohen Alter ein Herzensanliegen. Zum ersten Mal stellte er sich 2010 in Markt Schwaben vor eine Schulklasse, um vor den jungen Leuten von seinen Erlebnissen zu sprechen. Dies sei der Beginn seiner Heilung gewesen, sagte er später darüber. Nun ist Leslie Schwartz im Alter von 90 Jahren in einem Altersheim in Florida gestorben.

"Schüler und Lehrer des Markt Schwabener Gymnasiums verdanken ihm bewegende und tief beeindruckende Schilderungen seines Schicksals", unterstreicht Heinrich Mayer, früher Lehrer am Markt Schwabener Gymnasium und Initiator der Reihe "Vergessener Widerstand". Schwartz war damals auf ihn zugekommen und hatte angeboten, Markt Schwaben zu besuchen. Der damals 80-Jährige, der ursprünglich aus Ungarn stammte und zwar selbst die Grauen von Auschwitz und Dachau überlebt, aber seine ganze Familie verloren hat, hatte in New York von den Recherchen der Markt Schwabener Schülerinnen und Schüler erfahren. In Poing nahm Schwartz in den Jahren darauf nicht nur mehrmals an Gedenkfeiern zum Jahrestag des Todeszugs teil, er suchte auch nach jener Frau, die ihm an jenem schwarzen Tag im April 1945 etwas Freundlichkeit zuteil werden ließ und dem ausgehungerten Jungen ein Butterbrot gab. Zwar ließ sich die Identität der Poingerin klären, es handelte sich um die Bäuerin Barbara Huber, sie war aber schon viele Jahre zuvor gestorben.

Seine Geschichte erzählte Schwartz in einer Autobiografie, die 2010 in Deutschland erschien. Der Bayerische Rundfunk drehte über ihn den Dokumentarfilm "Der Mühldorfer Todeszug", der 2012 ausgestrahlt wurde. Sein Einsatz gegen das Vergessen wurde mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Aus gesundheitlichen Gründen war es ihm in den vergangenen Jahren nicht mehr möglich, die Schulbesuche, die ihm so wichtig waren, fortzusetzen. Am 12. Mai ist er nach längerer Krankheit in Boynton Beach in Florida gestorben.

© SZ vom 23.05.2020 / moo
Zur SZ-Startseite