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München/Poing:Ein Tag als Parlamentarierin

15 Schülerinnen aus Poing erleben gemeinsam mit jungen Mädchen aus ganz Bayern, wie die Arbeit im Landtag aussieht. Dabei beschäftigen sie sich mit vielen jugendnahen Themen - und erzielen sogar kleine Erfolge

Von einem Erfolg, wie ihn Lena Stolze aus Poing erlebt hat, träumen viele Politiker im Bayerischen Landtag ihr Leben lang. Sie hat sich im großen Plenarsaal im Maximilianeum mit einem Antrag durchgesetzt - zuvor hatte sie die Mehrheit überzeugen können, dass eine gemeinsame längere Grundschulzeit für alle Kinder sinnvoller ist als die Einführung der Gesamtschule. Auswirkungen - und da wird der Neid der echten Politiker sicher wieder enden - hat der Triumph der jungen Frau allerdings keine: Denn Lena Stolze ist noch Schülerin, sie tauscht nur für einen Tag ihr Klassenzimmer in der Realschule Poing mit dem Plenarsaal des Landtags ein.

Einmal im Bayerischen Landtag mitarbeiten, das ist für sie und 159 andere Mädchen aus ganz Bayern für einen Tag Realität. Denn im Rahmen des Mädchenparlamentes versammelten sich die Schülerinnen, um von morgens bis abends den Arbeitsablauf einer Abgeordneten zu erleben. Unter den Teilnehmerinnen des von der SPD-Landtagsfraktion veranstalteten Mädchenparlaments befinden sich auch fünfzehn Realschülerinnen aus Poing. Eingeladen hat sie die Ebersberger SPD-Abgeordnete Doris Rauscher, mit von der Partie ist auch stellvertretende Schulleiterin Sylvie Schnaubelt.

Mädchenparlament Plenum

Wo sonst Politiker diskutieren, haben einen Tag lang Schülerinnen das Sagen.

(Foto: SPD-Landtagsfraktion)

Es werden jugendnahe Themen auf die Tagesordnung gesetzt. Doch "die Themen könnten auch in echt besprochen werden", sagt Doris Rauscher. Diskutiert wird in den Ausschüssen über die Legalisierung von Cannabis, die Freigabe von Energy Drinks erst ab 18, Grüne Gentechnik, eine Quote für deutsche Musik im Radio, Google Street View und die mögliche Einführung von Gemeinschaftsschulen. Auch eine Organisationsgruppe entsteht unter der Leitung der SPD-Abgeordneten Isabell Zacharias. Die Organisatorinnen koordinieren die anschließende Plenumssitzung und wählen eine Präsidentin und ihre Stellvertreterinnen. Sie entscheiden auch, welche Anträgebehandelt werden.

Für die Diskussionen in den Ausschüssen und die anschließende Antragsstellung finden sich die Schülerinnen in den Sälen ein, in denen auch die Politiker ihre Besprechungen abhalten. Innerhalb der Ausschüsse teilen sich die Mädchen in zwei Gruppen auf, die jeweils die entgegengesetzte Meinung vertreten. Wie im richtigen Landtag werden auch zwei Schriftführerinnen gewählt, sowie Ausschussvorsitzende und ihre Vertreterinnen. Bei den Diskussionen werden die Schülerinnen von jeweils zwei SPD-Politikerinnen des Arbeitskreises der Frauen unterstützt.

Mädchenparlament Gruppenfoto #2

Auch eine Gruppe aus Poing ist mit von der Partie.

(Foto: SPD-Landtagsfraktion)

Doris Rauscher begleitet an diesem Tag den Ausschuss mit dem Thema "Immer unter Kontrolle - Google Street View?". "Recht und Verfassungsschutz ist nicht unbedingt mein Fachausschuss", sagt Rauscher. Dennoch sei die Bearbeitung noch unbekannter Themen auch im Alltag der Politikerin normal. "Manche haben sich aber schon gut vorbereitet", sagt die Ebersberger Abgeordnete, "die bringen echt Fakten mit." So würden im anschließenden Plenum auch kontroverse Debatten entstehen. "Am Anfang sind die Mädchen noch zurückhaltender", sagt Doris Rauscher. Die Entwicklung finde im Laufe des Tages statt. "Es ist wichtig, dass vor allem Mädchen das machen und eventuell auch Berufswünsche entstehen", so die Politikerin.

Denn im Landtag ist die Frauenquote noch nicht angekommen. Nur 29 Prozent der Abgeordneten sind Frauen. "Und das, obwohl Frauen im Durchschnitt die besseren Schulabschlüsse haben", so Simone Strohmayer, die frauenpolitische Sprecherin des Arbeitskreises der Frauen. "Es müssen noch 50 Prozent werden", betont sie. Auch der Altersdurchschnitt sei zu hoch, nur drei Politiker im Bayerischen Landtag seien unter dreißig. Veranstaltungen wie das Mädchenparlament sollen die jungen Mädchen dazu animieren, selbst in der Politik aktiv zu werden.

Die Schülerinnen aus Poing nehmen erstmals bei einem Mädchenparlament teil. "Mädchen sind nicht weniger politikinteressiert als Jungs", sagt Sylvie Schnaubelt. Ihre Schülerinnen seien an aktueller Politik interessiert, vor allem an der Lage der Asylbewerber in Poing, die derzeit in der Nähe der Realschule untergebracht sind. Auch die Themen des Mädchenparlaments finde sie alle spannend, sagt die Pädagogin. Vor allem sei sie an den Aussagen der eigenen Schülerinnen interessiert. "Da ist ganz viel Wissen da", betont Sylvie Schnaubelt. Der Neuntklässlerin Cendresa Fekaj ist vor allem der Aspekt wichtig, dass "man unter Mädchen lockerer sprechen kann und keine Angst hat, seine Meinung zu sagen". Clara Leidhäupel und Lena Stolze aus Poing fehlte während der Diskussion über die Gemeinschaftsschule allerdings die Vielseitigkeit. Denn die beiden Begleiterinnen der Diskussion Simone Strohmayer und Kathi Petersen hätten beide großes Interesse an einer Gemeinschaftsschule, wohingegen die beiden Schülerinnen aus Poing nicht dafür wären. "Wir hätten uns jemanden gewünscht, der entweder gar nichts sagt oder auf unserer Seite ist", sagt Clara Leidhäupel.