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Mitten in Grafing:Königlich Grafinger Bauausschuss

Kommunalpolitische Magerkost werden die anstehenden Sitzungen des Grafinger Stadtrats sicherlich nicht werden. Das liegt vor allem an einem Ortswechsel

Glosse von Thorsten Rienth

Als vor ein paar Tagen aus dem Grafinger Rathaus die Bekanntmachung für die anstehende Bauausschusssitzung verschickt wurde, war die E-Mail mit einem Warnhinweis versehen, rot und fett. Das ist sonst vor allem in der Einladung zur Dezember-Sitzung des Stadtrats der Fall. Denn diese fängt wegen des anschließenden Weihnachtsessens eine Stunde früher an als wie üblich um 19 Uhr. Bisweilen - und trotz alljährlichem Warnhinweis - werden unter Stadträten Wetten abgeschlossen, wer, Lokaljournalisten inklusive, wohl trotzdem zu gewohnter Stunde, also zu spät, durch die Tür kommt. Der aktuelle Warnhinweis allerdings ist nicht zeitlichen Ursprungs. Es geht um einen Ortswechsel mit kulturellem Nachrichtenwert: Am Dienstag ziehe der Bauausschuss ins Wirtshaus um, warnt die aktuelle Einladung. Man trifft sich im größten Saal außerhalb der Stadthalle, dem König-Ludwig-Saal im "Kastenwirt".

Wenn am Abend die Wirtshausstühle an die Wirthaustische gerückt werden, gibt's dort ein Bild zu sehen, das sich auch im Geschichtsabitur interpretieren ließe: Unten sitzt der demokratisch gewählte Pöbel. Oben an den Wänden hängen die Porträtgemälde aus den glorreichen Jahren der bayerischen Monarchie. Oder eben dem, was die freistaatliche Folkloreschreibung daraus gemacht hatte. Die Antwort darauf wäre sozusagen die Transferfrage zum Prüfungsfinale.

Die politisch spannenderen Fragen liegen freilich woanders. Zum Beispiel, was es zum Essen gibt? Die geschmorten Schweinebackerl stehen auf der "Kastenwirt"-Karte, die gebratene Maishendlbrust oder das Tatar vom hausgebeizten Bachsaibling. Der Tafelspitz sowieso. Das Menü ist tatsächlich schon recht nah am Königlichen. Dazu gibt's - selbstverständlich - das gesamte Repertoire des Grafinger Wildbräus. Gut möglich also, dass am Dienstag so mancher Grafinger Stadtrat bierbeseelt nach Hause geht und sich das Gremium auf ewig in den König-Ludwig-Saal dürstet. Zumindest den Sommer über wird der Wunsch erfüllt. Die Notbeleuchtung der Stadthalle sei durchgebrannt, heißt es. Bis September ginge dort rein gar nichts mehr. Wie gut, dass die Sanierung des alten Kastens längst beschlossen ist.

© SZ vom 12.06.2021
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