Mitten in Grafing:Choreographie an der Ampel

Ob Rechtschreibregeln oder Einmaleins - vieles wird in den großen Ferien verlernt. Das ist außerhalb des Klassenzimmers nicht anders

Glosse von Anja Blum

Sechs Wochen sind eine verdammt lange Zeit. Das muss momentan wohl wieder so mancher Lehrer schmerzlich erfahren. All der schöne Stoff, den die Schüler vor den Sommerferien schon so wunderbar beherrschten - und nun? Das Einmaleins? Die Rechtschreibregeln? Der Lesefluss? Alles weg! Wie ein Sisyphus wird sich da die ein oder andere Klassenleitung fühlen.

Doch nicht nur Lehrkräften geht es so, die Lotsen am Straßenrand teilen dieses Post-Sommerferien-Schicksal. Nicht nur, dass sich im Herbst ja immer viele kleine Erstklässler auf den Gehsteigen tummeln, die noch nicht so recht wissen, wie das geht mit dem Schulweg. Nein, irgendwie gerät stets diese ganze schön einstudierte Choreografie durcheinander. An einer Ampel in Grafing zum Beispiel. Da ist die Fahrbahn ziemlich breit, weswegen es in der Mitte eine Insel gibt. Das ist auch bitter nötig, denn die Grünphase dauert dermaßen kurz, dass nur die Schnellen in einem Rutsch auf der anderen Seite ankommen. Zumindest, wenn die Straßenverkehrsordnung beachtet werden soll. Die meisten Kinder aber haben das ziemlich schnell raus: "Gas geben!", heißt die Devise, wenn man nicht unendlich lange auf das nächste grüne Ampelmännchen warten will.

Doch nach den großen Ferien hat das so mancher Schüler natürlich längst wieder vergessen. Außerdem, und das ist eigentlich das größte Problem, sind zum Schulstart in der Regel sehr viele Eltern unterwegs. Klar, sie wollen sichergehen, dass ihre Erstklässler heil an der Schule ankommen. Doch die Erwachsenen nehmen das mit dem Rot und dem Grün alles andere als genau. Ganz gemächlich wird da geschlendert, egal, was die Ampel macht. Heieieiei, da haben die beiden Lotsen alle Hände voll zu tun, den Tross der Fußgänger und die Schlange der Autos mit ihren Kellen zu koordinieren. Höchste Zeit also, dass die Kinder wieder alle alleine zur Schule gehen - denn dann hören sie aller Erfahrung nach auf die Helfer in den gelben Westen. Außerdem sind sie im Gegensatz zu manch Erwachsenem äußerst lernfähig. Dann heißt es wieder: "Gas geben!" Zumindest bis zu den nächsten langen Ferien.

Und, unter uns, auch die Lotsen brauchen manchmal etwas Zeit, um sich wieder einzugewöhnen. Die erste Amtshandlung: den Rufschalter an der Ampel drücken. Dabei ist weit und breit noch kein Schüler zu sehen. Oh je.

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