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Mitten in Ebersberg:Virtueller Nachwuchs

Hätte man eine Baby-App, könnte man das Quengeln der Kleinen nach Belieben steuern.

Mit dem Kopf wippend schiebt die junge Mutter ihren Kinderwagen über den Ebersberger Marienplatz. In ihren Ohren stecken Kopfhörer. Verfolgt man die Kabel, dann führen die Enden in den Kinderwagen. Ein seitlicher Blick in das Gefährt verrät, woher die Kabel kommen: Auf der Baby-Decke liegt das Smartphone der jungen Frau. Doch fehlt da nicht noch was? Richtig: Das Baby ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Das Quengeln des Kleinen würde die Mutter - den Ohrstöpseln sei dank - ohnehin nicht hören. Braucht es angesichts modernster Technik überhaupt noch Kinder? Reicht nicht eine Baby-App, die Weinen und Lachen des potenziellen Nachwuchses einfach simuliert?

Die junge Mutter hat inzwischen ihr Smartphone aus dem Kinderwagen geholt und tippt darauf herum, während sie in Richtung S-Bahn schiebt. Vom vewrmutlich in die Decke eingemummelten Baby ist immer noch nichts zu sehen. Die junge Frau steigt in die S-Bahn, zieht den Wagen mit einem Ruck hinter sich her. Die kurze Anweisung an der Anzeigen-Tafel der S-Bahn hat sie nicht gelesen: "Nicht einsteigen" steht da eigentlich. Es handelt sich um eine Leerfahrt. Die Frau sieht sich verwundert in der S-Bahn um, "leer heute" wird sie sich denken. Sie nimmt die Kopfhörer aus den Ohren. Dann steigt sie wieder aus.

Durch das Ruckeln des Kinderwagens wacht das offensichtlich doch darin befindliche Baby auf. Es fängt herzzerreißend an zu weinen. Die Mutter schaut irritiert drein. Die Baby-App könnte man in so einer Situation wenigstens ausschalten.

© SZ vom 12.10.2015
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